Tchaikovsky, Peter

Symphony No. 5 / The Nutcracker Suite op. 71a

Rubrik: CDs
Verlag/Label: SWR music/hänssler classic 93.254
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 71

Das Missver­hält­nis von Tschaikowskys erhal­te­nen und auf­führbaren Werken zu den mit Opus-Zahl verse­henen Stück­en ist all­seits bekan­nt. Nur rund ein Vier­tel der Kom­po­si­tio­nen sind gelis­tet. Das Tschaikowsky-Werkverze­ich­nis kommt sog­ar auf 512 Stücke des an Cholera gestor­be­nen Russen. Darauf ver­weist der Diri­gent und Musik­wis­senschaftler Ben­jamin-Gun­nar Cohrs im Book­let-Text der neuen Tschaikowsky-Ein­spielung des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR unter Roger Nor­ring­ton. Das macht neugierig.
Doch auch die Stuttgarter bieten mit ihrem langjähri­gen Chefdiri­gen­ten nur bekan­nte Opus-Kost: Die fün­fte Sin­fonie und die Nussknack­er-Suite. Aber, das sei vor­weggenom­men, die Beschränkung auf viel gespieltes Reper­toire ist die einzige Ent­täuschung, die der Hör­er hin­nehmen muss.
Denn so musikan­tisch ani­miert, so wenig roman­tisch ver­brämt, son­dern vielmehr see­len­voll aus­gedeutet, statt mit süßem Vibra­to angedickt, hat man die Fün­fte sel­ten gehört. Doch nicht nur die sin­fonis­che Ober­fläche entstauben Nor­ring­ton und das exzel­lente SWR-Orch­ester. Sie loten die ganze Tiefe dieses vielfach eher als großorches­trales Schaustück mit effek­tvollem Tri­umph-Schluss aufge­fassten und aufge­führten Werkes aus.
Oft wurde über Tschaikowskys ange­bliche Todessehn­sucht geschrieben und gestrit­ten. Leicht kann daher das düstere Klar­inet­ten­mo­tiv des Beginns in dun­kle Jen­seit­sah­nun­gen abgleit­en. Nor­ring­ton bewahrt das für die ganze Sin­fonie so bedeu­tungsvolle The­ma jedoch vor jed­er mörderischen Selb­stzer­fleis­chung. Er leis­tet Trauer­ar­beit am „Abgrund des Nicht-Seins“, wie es Tschaikowsky selb­st aus­ge­drückt hat­te, und ist damit der per­ma­nen­ten Todes­furcht des Kom­pon­is­ten ganz nahe gerückt, ohne dass sie freilich zum Hemm­schuh jeglich­er Entwick­lung wer­den würde. Nur so kann sich der in der Sin­fonie angelegte Umschwung aus dem Dunkel ins Licht ohne den son­st wahrnehm­baren Bruch man­i­festieren – auch wenn freilich quälende Ver­w­er­fun­gen nicht unbeachtet bleiben. Die Präzi­sion, mit der die Stuttgarter diese nach Glück sehnende Trans­for­ma­tion mit ein­er strin­gen­ten Zwangsläu­figkeit vol­lziehen, beein­druckt um so mehr, da es sich bei der Ein­spielung um einen Live-Mitschnitt von einem Konz­ert aus dem Jahr 2007 in der Lieder­halle Stuttgart han­delt.
Mit der Nussknack­er-Suite geben das Radio-Sin­fonieorch­ester und Nor­ring­ton zudem mehr als eine nette, unbeschw­erte Zugabe. Auch hier geht es nicht nur um ara­bis­che, chi­ne­sis­che oder rus­sis­che Tänze. Mit zügi­gen Tem­pi wird das gesamte Gefühlsspek­trum des Tschaikowsky-Bal­letts behände und leicht aus­geleuchtet.
Roger Nor­ring­ton, der in diesem Jahr seinen 75. Geburt­stag gefeiert hat, macht ein­mal mehr deut­lich, dass Per­sön­lichkeit und Gestal­tungswille die alles entschei­den­den Kri­te­rien ein­er Inter­pre­ta­tion sind und so auch bei Tschaikowsky noch für Neuent­deck­un­gen im gängi­gen Reper­toire sor­gen kön­nen.
Christoph Ludewig