Mahler, Gustav

Symphony No. 5 cis-Moll

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic CD 93.165
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 87

An Ein­spielun­gen von Mahlers Sin­fonien, und der Fün­ften zumal, man­gelt es nicht. Und doch kom­men ger­ade in den ver­gan­genen Jahren immer wieder Neuauf­nah­men her­aus, ist der kom­plette Zyk­lus dieser neun (plus der frag­men­tarischen Zehn­ten) in Beset­zung und Aus­maß gigan­tis­chen Werke in Angriff genom­men oder abgeschlossen wor­den, etwa von Ric­car­do Chail­ly, Michael Tilson Thomas und Michael Gie­len.
Einen der inter­es­san­testen Ansätze ver­fol­gt Roger Nor­ring­ton mit dem Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR. Seine auf dem genauen Studi­um der his­torischen Quellen fußen­den Inter­pre­ta­tio­nen haben so sehr an Akzep­tanz gewon­nen, dass Kri­tik­er wie Pub­likum voller Respekt vom „Stuttgart Sound“ sprechen. Über Gesam­tauf­nah­men des sin­fonis­chen Schaf­fens von Beethoven und Brahms ist Nor­ring­ton inzwis­chen bei Mahler ange­langt. Nach Ein­spielun­gen der ersten (2004) und der vierten Sin­fonie (2005) lässt sich der his­torisierende „Stuttgart Sound“ nun an Mahlers Fün­fter über­prüfen. Es han­delt sich um einen Mitschnitt aus dem Beethoven­saal der Stuttgarter Lieder­halle vom Jan­u­ar 2006. Die Unmit­tel­barkeit des Konz­ert­er­leb­niss­es bleibt zumin­d­est par­tiell erhal­ten.
Nor­ring­ton lässt, wie es um 1900 Usus war, die ersten und zweit­en Geigen einan­der gegenüber und die Kon­tra­bässe hin­ter dem Holz sitzen. Vor allem aber verzichtet er auf das heute ver­bre­it­ete Dauervi­bra­to und kommt so Mahlers Wun­sch nach Deut­lichkeit und Durch­hör­barkeit der einzel­nen Stim­men nach. Statt mit bom­bastis­chen Klan­gorgien die Fein­heit­en zu übertünchen, macht der Orig­i­nalk­lang-Pio­nier Nor­ring­ton die Par­ti­tur trans­par­ent und erre­icht eine wohltuende Präg­nanz. Man achte nur auf das kon­tra­punk­tis­che Stim­menge­flecht im Ron­do-Finale, das zudem durch seinen drama­tis­chen Span­nungsauf­bau beein­druckt. An den staunenswerten Stuttgartern hätte auch Mahler seine Freude gehabt, der sich für eine geplante Auf­führung der Fün­ften „das Orch­ester auch wirk­lich vortr­e­f­flich – haupt­säch­lich 1. Horn, 1. Trompete“ wün­schte.
Nor­ring­ton ist mit den Klavier­rollen ver­traut, die Mahler im Novem­ber 1905, also fast exakt ein Jahr nach der Köl­ner Urauf­führung der Fün­ften, bei Welte-Mignon in Leipzig ein­spielte, darunter der Trauer­marsch, für den er elf Minuten und 22 Sekun­den benötigte. Der Brite hält sich sehr genau an dieses Tem­pov­or­bild und braucht ger­ade ein­mal elf Sekun­den länger. Für den berühmtesten aller Mahler-Sätze über­haupt, das Adagi­et­to, benötigt Nor­ring­ton etwas weniger als neun Minuten, während Jonathan Nott (Bam­berg­er Sym­phoniker) es auf elf, James Levine (Philadel­phia Orches­tra) auf zwölf und Haitink (Berlin­er Phil­har­moniker) auf knapp 14 Minuten bringt. Fern von Kitsch und trä­nen­re­ichem Pathos nimmt Nor­ring­ton das Adagi­et­to nicht auss­chließlich „sehr langsam“. Vielmehr beachtet er die Dif­feren­zierun­gen „etwas flüs­siger als zu Anfang“, „etwas drän­gend“ und „fließen­der“.
Nor­ring­tons his­torisierende Sichtweise auf die Par­ti­tur und deren bravouröse Umset­zung durch die Stuttgarter recht­fer­ti­gen diese Neuauf­nahme alle­mal. Nicht nur Mahler-Enthu­si­as­ten sei sie ans Herz gelegt.
Jür­gen Gräßer