Schostakowitsch, Dmitri

Symphony No. 4 /Suite from the Opera “Lady Macbeth of Mtsensk”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: hänssler classic CD 93.193
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 66

Unter der Über­schrift „Chaos statt Musik“ erschien am 28. Jan­u­ar 1936 in der sow­jetis­chen Praw­da eine Rezen­sion von Dmitri Schostakow­itschs Oper Lady Mac­beth von Mzen­sk, die das Leben des Kom­pon­is­ten ein­schnei­dend verän­dern sollte. Die ver­nich­t­ende Kri­tik führte zu einem sofor­ti­gen Auf­führungsver­bot der Oper. Zugle­ich bedeutete dieses Verdikt nicht nur eine Gefährdung der kün­st­lerischen, son­dern der physis­chen Exis­tenz Schostakow­itschs. Ganz konkret aber war es dem Kom­pon­is­ten unmöglich gemacht wor­den, seine zwis­chen 1935 und 1936 ent­standene vierte Sin­fonie zur Auf­führung zu brin­gen. Es gab zwar noch eine Gen­er­al­probe der c‑Moll-Sin­fonie unter Fritz Stiedry, doch im durch den Praw­da-Artikel erzeugten repres­siv­en Kli­ma blieb für diese Musik kein Raum.
Schostakow­itsch hat sich mit der vierten Sin­fonie, sein­er bis­lang umfan­gre­ich­sten, der musikalis­chen Welt Gus­tav Mahlers in bei ihm bis­lang nicht zu erleben­der Form angenähert. Zugle­ich sind aber auch Par­al­le­len zur grellen Ton­sprache der Lady Mac­beth nicht zu über­hören. So ist es dur­chaus logisch, dass Andrey Boreyko seine Auf­nahme der vierten Sin­fonie mit der Ein­spielung der Suite aus der Oper Lady Mac­beth von Mzen­sk op. 29a verbindet. Dabei han­delt es sich hier nicht wie etwa die von James Con­lon ein­gerichtete und aufgenommene Zusam­men­stel­lung um eine von fremder Hand, son­dern um eine von Schostakow­itsch selb­st zusam­mengestellte, die aus den drei Zwis­chen­spie­len der Oper beste­ht. Um eine „Wel­ter­stein­spielung“, wie das Cov­er sug­geriert, han­delt es sich bei der Boreyko-Ein­spielung mit dem Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR den­noch nicht. Diese hat schon Thomas Sander­ling mit der ful­mi­nant auf­spie­len­den Rus­sis­chen Phil­har­monie bei der Deutschen Gram­mophon (4776112) vorgelegt.
Boreyko hat mit dem Stuttgarter Orch­ester einen her­vor­ra­gen­den Part­ner für seine Sicht auf die mon­u­men­tale Vierte zur Ver­fü­gung. Kraftvoll in den Stre­ich­ern und den Anforderun­gen der Par­ti­tur gemäß schnei­dend im Blech, mit wuchti­gen Schlag­w­erkat­tack­en, nimmt sich der aus St. Peters­burg stam­mende Diri­gent der erst 1961 während der Tauwet­ter­pe­ri­ode der rus­sis­chen Poli­tik uraufge­führten c‑Moll-Sin­fonie an. Harsch lässt er schein­bar triv­iale Tanz- und Marschmo­tive aufeinan­der­prallen, Trauer­marschar­tiges, Sur­reales wie schein­bar­er Kitsch ste­hen in diesem für Riesenorch­ester geset­zten Werk fast unver­bun­den nebeneinan­der. Die bei­den groß dimen­sion­ierten Eck­sätze umfassen ein lakonisch knappes Inter­mez­zo, das von Boreyko auch entsprechend aufge­fasst wird. Der Chefdiri­gent sowohl der Ham­burg­er Sym­phoniker als auch des Sym­phonieorch­esters von Bern, seit 2005 erster ständi­ger Gast­diri­gent der Stuttgarter, ist kein Inter­pret, der die Abgründe der Musik übertünchen will. Kraftvoll ste­hen die het­ero­ge­nen Ele­mente nebeneinan­der, Boreyko macht nicht den Ver­such, eine Ein­heit herzustellen, wo die Zer­split­terung zum Stil­prinzip erhoben wurde. Eine eben­so kraftvolle, dynamisch aus­gereizte wie klare Lesart der Musik Schostakow­itschs, die in mehreren Konz­erten in der Stuttgarter Lieder­halle mit einem äußerst konzen­tri­ert agieren­den Orch­ester mit­geschnit­ten wurde.
Wal­ter Schneckenburger