Röntgen, Julius

Symphony No. 3 / Suite “Aus Jotunheim”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: cpo 777 119-2
erschienen in: das Orchester 06/2007 , Seite 79

Ein­fach war es bis­lang nicht, den nieder­ländis­chen Kom­pon­is­ten Julius Rönt­gen ken­nen zu ler­nen. Die gängi­gen Musik­lexi­ka und Konz­ert­führer ver­weigern die Auskun­ft. Und die Plat­ten­la­bels haben auch nur wenig anzu­bi­eten. Obwohl über 650 Werke existieren… Jet­zt freilich ändert sich die Sit­u­a­tion offen­sichtlich grundle­gend! Rönt­gens 75. Todestag im Jahr 2007 mag dafür eben­so den Anstoß gegeben haben wie wichtige Noten­funde in britis­chen und nieder­ländis­chen Archiv­en. Eine umfan­gre­iche Biografie mit dem Titel Gaudea­mus ist angekündigt. Und cpo, das Label mit den zahlre­ichen Ent­deck­un­gen und Über­raschun­gen, hat den Ehrgeiz, eine groß angelegte Julius-Rönt­gen-Edi­tion aufzule­gen. Deren erste CD stellt zwei der markan­testen Orch­ester­w­erke Julius Rönt­gens vor.
Geboren wurde er 1855 in Leipzig. Hier war sein Vater Konz­ert­meis­ter im Gewand­hau­sor­ch­ester. Zu kom­ponieren begann das Wun­derkind bere­its als Neun­jähriger. Pri­vat­en Unter­richt erhielt er von Moritz Haupt­mann, Carl Rei­necke und Franz Lach­n­er. Und Rönt­gen war ger­ade zwanzig Jahre alt, als er hart­näck­ig an sein­er f‑Moll-Sin­fonie zu arbeit­en begann, die er 1877 sog­ar mit dem Gewand­hau­sor­ch­ester pro­bieren kon­nte. Im Jahr darauf ging er jedoch nach Ams­ter­dam – dort wink­ten ihm vielfältige beru­fliche Chan­cen. Als Dozent und Inter­pret leis­tete er Wesentlich­es für die Entwick­lung des Musik­lebens in Hol­land – an der Königlichen Musikschule wie am neu errichteten Con­cert­ge­bouw –, und er legte mehrere Sam­mel­bände mit Volk­sliedern an. Vor seinem Tod im Jahr 1932 hat­te Rönt­gen noch New York besucht und sich an Gersh­wins Rhap­sody in blue begeis­tern kön­nen; der Bogen musikalis­ch­er Ein­flüsse auf sein Schaf­fen reicht von der Volksmusik über Grieg bis zum Jazz.
Als schönes Zeug­nis sein­er Fre­und­schaft mit dem Nor­weger präsen­tiert sich die stim­mungsvoll-gefäl­lige Suite Aus Jotun­heim mit inniger Melodik, kon­trastre­ichen Tanz-Szenen, zarten elegis­chen Schat­tierun­gen und einem rhap­sodis­chen Finale. Rönt­gen hat dieses liebevoll emp­fun­dene und raf­finiert gefärbte Werk dem Ehep­aar Grieg 1892 zum 25. Hochzeit­stag gewid­met. Die 3. Sin­fonie c‑Moll (1910) mit ihrer imposan­ten Vier­sätzigkeit und ihrer beherzten und opti­mistis­chen musikalis­chen Sprache wurde gle­ich nach der Urauf­führung zu einem der bekan­ntesten und meist­ge­spiel­ten Stücke des Kom­pon­is­ten. Mehr bal­ladesker Bilder­bo­gen als ambi­tion­iertes Ideen­dra­ma, nimmt sie durch charak­ter­volle The­men und deren ein­fall­sre­iche kon­tra­punk­tis­che Ver­ar­beitung, durch far­bige Instru­men­ta­tion und lebendi­ge Aus­drucksvielfalt für sich ein. Tra­di­tionelle Form und orig­inelles Kolorit erschaf­fen ein Stück, das durch Indi­vid­u­al­ität und Kun­st­fer­tigkeit beein­druckt. Bei­de Werke stellen der Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz und dem Hol­län­der David Porceli­jn am Pult anspruchsvolle und dankbare Auf­gaben. Sie wer­den überzeu­gend gelöst: Die Plat­te hält die far­ben­prächtige Auf­nahme ein­er Inter­pre­ta­tion fest, die den Bildern der alten Nieder­län­der an Üppigkeit und Schön­heit nicht nach­ste­ht!
Eber­hard Kneipel