Ives, Charles

Symphony No. 3 / Ragtime Dances / Robert Browning Overture

Rubrik: CDs
Verlag/Label: col legno WWE 1 CD 20225
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 91

Dass die 3. Sin­fonie von Charles Ives zu den pop­ulärsten und meis­taufge­führten Werken dieses Pio­niers der amerikanis­chen Musik zählt, hat mehrere Gründe: Zum einen ver­langt das dreisätzige Werk lediglich ein Kam­merorch­ester (ohne Schlagzeug), zum anderen ist es wesentlich leichter hör­bar als etwa die Sin­fonie Nr. 4 oder andere spätere Ives’sche Orch­ester­w­erke. Noch hat­te der Kom­pon­ist in diesem Stück nicht zu jen­er radikalen Mul­ti-Poly­fonie gefun­den, die in der posthu­men Rezep­tion sein­er Musik als sein Marken­ze­ichen ange­se­hen wer­den sollte. Und so kommt es, dass „The Camp Meet­ing“, so der Unter­ti­tel des Werks, auch inner­halb der Ives-Disko­grafie nicht eben unter­repräsen­tiert ist.
Die vor­liegende Auf­nahme weiß in mehrfach­er Hin­sicht zu überzeu­gen und sich gegenüber den Ref­eren­za­uf­nah­men von Tilson Thomas (Sony) und Lit­ton (Hype­r­i­on) acht­bar zu behaupten. Michael Stern, der mit dem Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­brück­en für das Label col leg­no bere­its Ives’ 2. Sin­fonie ein­spielte, ver­ste­ht es, dem inni­gen, beina­he inti­men Ton­fall der Kom­po­si­tion Aus­druck zu ver­lei­hen, ohne emo­tion­al allzu über­bor­dend zu agieren. Er wählt durch­weg fließende bis zügige Tem­pi, die ins­beson­dere dem zweit­en Satz „Children’s Day“ gut zu Gesicht ste­hen. Die „Schat­ten­lin­ien“, dis­so­nante Kon­tra­punk­te, die in gedämpfter Dynamik einen Hin­ter­grund zur motivis­chen Hauptebene bilden und diese auf san­fte Weise rel­a­tivieren, sind angemessen diskret gehand­habt, doch stets hör­bar. In der Erstaus­gabe der Sin­fonie tauchen diese nicht auf, weswe­gen sie bei früheren Enspielun­gen, etwa unter Bern­stein, fehlen.
Dem Orch­ester, das diese Musik sicher­lich nicht mit der Mut­ter­milch aufge­so­gen haben dürfte, gelingt eine angemessene Real­isierung von Ives’ spez­i­fisch amerikanis­chem Ton­fall. Das gilt auch für die vier Rag­time Dances, der eigentlichen Ent­deck­ung dieser CD. Sie bieten sozusagen Ives im Reclam-For­mat – beina­he sämtliche für den reifen Ives typ­is­che Kom­po­si­tion­stech­niken wie Col­lage- und Zitat­tech­nik sind hier auf eng­stem Raum vertreten. Diese von James Sin­clair anhand von Ives’ Par­ti­cellen nachträglich orchestri­erten Kabi­nettstückchen erfahren hier pointierte, elek­trisierende Inter­pra­tio­nen, die Ives’ pro­vokan­ter Seite mustergültig gerecht wer­den; man fragt sich, warum sie nicht öfter aufge­führt wer­den.
Das pos­i­tive Bild rel­a­tiviert sich lei­der etwas in der Robert Brown­ing Over­ture. Das ohne­hin recht stach­lige und schw­er zu pack­ende Werk, eine von Ives’ ern­stesten und kom­pro­miss­los­es­ten Schöp­fun­gen, ver­liert durch Michael Sterns sehr behäbige Gan­gart – er benötigt 26 Minuten, Ingo Met­z­mach­er (EMI) lediglich 21 – an Impe­tus. Hinzu kommt, dass das motivis­che Geflecht in den bewegten Pas­sagen durch über­mäßig präsentes Schlag­w­erk an Durch­hör­barkeit ver­liert. Ein Wer­mut­stropfen in ein­er anson­sten sehr ansprechen­den Veröf­fentlichung.
Thomas Schulz