Ye Xiaogang

Symphony No. 3 “Chu” op. 46 / The Last Paradise op. 24

Cho-Liang Lin (Violine), Hila Plitmann (Sopran), Royal Philharmonic Orchestra, Ltg. José Serebrier

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bis BIS-2083
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 68

Es begin­nt mit engge­führten, sta­tis­chen Akko­r­den in star­rer Dynamik wie beim späten Olivi­er Mes­si­aen. An den franzö­sis­chen Meis­ter muss man auch denken, als sich ter­rassen­för­mige Inter­vall-Melo­di­en aus­bilden samt ein­er het­ero­fo­nen rhyth­mis­chen Grundierung mit met­allisch klin­gen­den Schla­gin­stru­menten; dazu eine auf­fäl­lige Far­bigkeit und Res­o­nanzfülle der wie vor leerem Hin­ter­grund freigestellt und fest gerän­dert platzierten Klanger­schei­n­un­gen.
Der 1955 in Chi­na geborene Xiao­gang Ye hat 2004 seine 3. Sin­fonie kom­poniert, die in sieben Sätzen in knapp 40 Minuten einen Klangfries autochthon­er Gestal­tungsweisen am Ohr des Zuhör­ers vor­beiziehen lässt. Chu ist der Titel des Werks und bezieht sich auf ein lange vor christlich­er Zeitrech­nung existieren­des chi­ne­sis­ches Kön­i­gre­ich; ein Quell­grund, der die Nutzung chi­ne­sis­ch­er Instru­men­tal­ität und die Wirk­samkeit ihrer klan­glichen Emis­sio­nen in die mit­tler­weile sel­ber Tra­di­tion gewor­dene offene Satzweise west­lich­er Moder­nität ein­fließen lässt wie in eine Brun­nen­schale. Es ist Musik des zeit­genös­sis­chen Chi­na, das sich ästhetisch neben aller west-adap­tiv­er Tech­nik der eige­nen kul­turellen Ver­wurzelung als eines Kor­rek­tivs besin­nt. Zu Zeit­en der vor­let­zten Jahrhun­der­twende hätte man das die Her­aus­bil­dung der nationalen Schulen genan­nt. Der Kom­pon­ist ist hier, wie so oft im asi­atis­chen Raum, als Syn­thetisier­er von Klangflüssen divers­er Herkun­ft aktiv, wobei Strö­mungs­geschwindigkeit und Katarak­t­bil­dung deut­lich eige­nar­tig bleiben und gemein­sam mit der
Instru­men­tal­ität das Beson­dere im All­ge­meinen darstellen.
Das ist ein fes­sel­ndes und attrak­tives Amal­gam, für das es mehrere, bei dieser Veröf­fentlichung gegebene Voraus­set­zun­gen braucht: einen sou­verän die zer­e­moniösen, drama­tis­chen und illus­tra­tiv­en Ereignisse ermöglichen­den Klangkör­p­er samt ein­er über­legen aushören­den Leitung; und eine Auf­nah­me­tech­nik, die mit Strahlkraft das Kle­in­ste und Größte gle­icher­weise span­nungs- und far­bre­ich abbildet. Mit dem Klang­bild des BIS-Labels, mit dem Lon­don­er Roy­al Phil­har­mon­ic Orches­tra und mit José Sere­bri­er ist das in ide­al­er Weise gegeben.
Nach­drück­lich und bril­lant pro­por­tion­iert ist das Vio­linkonz­ert Yes von 1993: The Last Par­adise. in 15 Minuten wird ein ziel­stre­biger, Solo und Tut­ti in Span­nung hal­tender Prozess entwick­elt, der auch seine Ruhe­zo­nen und kon­tem­pla­tiv­en Rück­zug­sorte plas­tisch ver­mit­telt. Her­rliche Res­o­nanz-Kun­st, nicht nur in der Kadenz, der ein wun­der­bares Per­petu­um der Ziel­losigkeit auf knapp­stem Raum fol­gt. Solist ist der 56-jährige Cho-Liang Lin, der an der Juil­liard School lehrt und tai­wane­sis­ch­er Herkun­ft ist. Ein Expo­nent neuer Musik, der einen unsen­ti­men­tal­en und doch ausar­tikulierten Ton pflegt. Hila Plit­mann bietet in der Sin­fonie zwei Mal län­gere
sopranis­che Vokalisen.
Bern­hard Uske