Johannes Brahms

Symphony No. 2/Tragic Overture/Academic Festival Overture

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Paavo Järvi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: RCA Red Seal
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 67

Fast 15 Jahre lang hat­te Brahms mit sich gerun­gen, bis er seine erste Sin­fonie c-Moll op. 68 im Herb­st 1876 endlich in eine ihn zufrieden­stel­lende Form gebracht hat­te. Für seine zweite Sin­fonie D-Dur op. 73 reichte dem Kom­pon­is­ten bere­its wenige Monate später ger­ade mal ein Som­merurlaub in Pörtschach am Wörther See. Schon Ende des Jahres 1877 wurde die D-Dur-Sin­fonie in Wien unter Hans Richter erstaufge­führt und Brahms durfte sich an dem tri­umphalen Erfolg erfreuen, den dieses Werk beim Pub­likum hin­ter­ließ.
Brahms’ vier Sin­fonien ste­hen jet­zt im Fokus der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie Bre­men und ihres Diri­gen­ten Paa­vo Järvi. Auf den inter­na­tionalen Konz­ert­po­di­en zuvor vielfach erprobt war man 2016 ins Auf­nahmes­tu­dio gegan­gen. Das erste auf Ton­träger fest­ge­hal­tene Ergeb­nis dieser inten­siv­en Auseinan­der­set­zung mit Brahms liegt nun in der Ein­spielung sein­er zweit­en Sin­fonie vor. Und diese Auf­nahme bildet einen phänom­e­nalen Auf­takt zu den noch zu erwartenden weit­eren Pro­duk­tio­nen.
Unter der Herange­hensweise von Paa­vo Järvi und der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie klingt Brahms wie neu, ganz entschlackt und kam­mer­musikalisch aufgelichtet. Mit ein­er solch traumhaften Durch­sichtigkeit, wie sie die Inter­pre­ten hier erre­ichen, erlebt man die Struk­tur des Orch­ester­satzes allein schon hörend gle­ich dem Lesen in ein­er Par­ti­tur. Brahms’ Instru­men­tierung, die Gewich­tung der Stim­men zueinan­der, das Ablösen der
Instru­menten­reg­is­ter, das präsente Gewebe und der Fig­u­ra­tionsver­lauf der Neben­stim­men, all dies erlaubt hier faszinierende Ein­blicke in die musi­ka-
lis­che Gedanken­welt des Kom­pon­is­ten.
Mit solch enormer Plas­tiz­ität her­aus­gear­beit­et und gle­ich­wohl unge­mein geschmei­dig ineinan­der verzah­nt und homogen miteinan­der verblendet, dabei in Phrasierung und Akzen­tu­ierung enorm sprechend, lebendig und span­nungsre­ich aus­for­muliert zeigt sich hier die Ver­trautheit der Kün­stler mit den auch für die Musik des 19. Jahrhun­derts so bedeut­samen spiel­tech­nis­chen Erken­nt­nis­sen der his­torisch informierten Auf­führung­sprax­is – gle­ichgültig, ob mit altem oder, wie im Falle der Deutschen Kam­mer­phil­har­monie, neuem Instru­men­tar­i­um. Die instru­men­tale Bal­ance und die dif­fizile Leuchtkraft in den Rah­menteilen des zweit­en Satzes, das organ­is­che Wach­sen von Agilität und Entschle­u­ni­gung in dessen Mit­te­lab­schnitt, die melodis­che Fein­nervigkeit und die darin kon­trastierend einge­bet­teten geheimnisvoll schat­tierten Charak­terze­ich­nun­gen im drit­ten Satz und das leb­haft, voller Ges­pan­ntheit und dabei unge­mein trans­par­ent gehal­tene Pro­fil des Finales, auch all dies sucht schlechthin seines­gle­ichen.
Nicht anders ver­hält es sich mit den der Sin­fonie beigegebe­nen Ouvertüren: Die Tragis­che Ouvertüre op. 81 besticht neben eben­solchem inter­pre­ta­torischen Glanz durch ein drama­tis­ches Glühen, das ganz von innen her­aus ent­facht wird, und die Akademis­che Fes­tou­vertüre op. 80 wis­sen Paa­vo Järvi und die Deutsche Kam­mer­phil­har­monie wohltuend aus all dem gewohn­ten Lär­men her­auszuhal­ten. <
Thomas Bopp