Rochberg, George

Symphony No. 2 / Imago Mundi

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.559182
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 91

Während viele europäis­che Kom­pon­is­ten der zweit­en Hälfte des 20. Jahrhun­derts – vor allem jene der Avant­garde – die Groß­form der Sin­fonie nicht mehr als geeignet erachteten für ihre musikalis­chen Ziele, hat­ten die Amerikan­er, obwohl aus gle­ich­er Tra­di­tion stam­mend, solche Bedenken weitaus weniger. Deshalb bracht­en die USA selb­st in dieser Zeit eine Vielzahl von Sin­fonikern her­vor, wenn auch manche nur von regionaler und tem­porär­er Bedeu­tung. Zwar zählt der im Osten der USA geborene und aufgewach­sene George Rochberg (1918–2005) nicht zu den weltweit fest etablierten, das heißt auch in Konz­erten präsen­ten US-Kom­pon­is­ten, doch genoss der in den 50er Jahren als Leit­er eines Musikver­lags tätige, später als Pro­fes­sor lehrende Musik­er nation­al hohe Anerken­nung und erhielt viele Preise. Dass die Basler Paul-Sach­er-Stiftung sein Werk-Archiv für ihre Samm­lung erwarb, zeigt die Statur des Sin­fonikers.
Das Rund­funk-Sin­fonieorch­ester Saar­bück­en hat sich mit dem Diri­gen­ten Christo­pher Lyn­don-Gee die Inter­pre­ta­tion der Musik Rochbergs im Konz­ert­saal, vor allem aber auf Ton­träger zur Auf­gabe gemacht. Vor der hier besproch­enen CD ist bere­its eine Disc mit der fün­ften Sin­fonie (die der Kom­pon­ist selb­st noch in Saar­brück­en gehört hat) und zwei weit­eren Werken erschienen, eine Auf­nahme der ersten Sin­fonie soll fol­gen.
Die erste 12-tönige Sin­fonie eines Amerikan­ers ist Rochbergs in den Jahren 1955/56 ent­standene Sym­pho­ny No. 2. Auf die Werke dieser Phase – er selb­st sprach von „har­ter Roman­tik“ – hat­ten seine Fre­und­schaft mit dem Ital­iener Lui­gi Dal­lapic­co­la und dessen eigen­er Umgang mit dem Vor­bild Alban Berg einen Ein­fluss. So ist das zwar dodeka­fonis­che, doch teils an dia­tonis­chen Inter­vallen (etwa Terzen und Quin­ten) oder Schw­er­punk­ten ori­en­tierte Melos auch dem mit der Avant­garde nicht ver­traut­en Hör­er gut zugänglich. Diese Sin­fonie Rochbergs ist ver­wandt mit manchen Werken seines Lands­man­ns Elliott Carter, gibt sich jedoch sinnlich­er und weniger intellek­tu­al­is­tisch.
Die klare und dynamisch aus­ge­wo­gene Inter­pre­ta­tion durch das Saar­brück­er Orch­ester steigert den Genuss der Musik, die mit ihrer Vielfalt an Struk­turen und Wirkun­gen über­rascht. Auf den kom­plex­en Kopf­satz fol­gt ein ger­adezu tänz­erisch lock­eres Alle­gro scherzan­do. Der langsame dritte Satz mit zwei Phasen eines Molto tran­quil­lo bietet auch in der zwölftöni­gen Fak­tur inten­siv lyrische Momente. Und die Ada­gio-Coda nach dem maßvoll raschen vierten Satz hat Vornehmheit und Gedanken­tiefe.
Ima­go Mun­di ent­stand 1973 nach ein­er Japan­reise. Rochberg ver­ar­beit­et Ein­flüsse der Ästhetik – auch der bilden­den Kun­st – der ostasi­atis­chen Kul­tur­na­tion. Doch greift der Kom­pon­ist nicht zu bil­li­gen Anlei­hen, son­dern schafft einen Ablauf faszinieren­der Orch­ester-Szenen.
Gün­ter Buhles