Raff, Joachim

Symphony No. 2/Four Shakespeare Preludes

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Chandos CHSA 5117
erschienen in: das Orchester 07-08/2013 , Seite 74

Eine Cavati­na blieb lange Zeit das einzige Leben­sze­ichen. Doch seit etwa drei Jahrzehn­ten erlangt Joachim Raff – 1822 in Lachen bei Zürich geboren und 1882 in Frank­furt am Main ver­stor­ben – vor allem dank viel­er CD-Auf­nah­men wieder Aufmerk­samkeit; ein Platzhirsch im Reper­toire wurde er freilich nicht. Dabei war er in den 1870er Jahren ein­er der meis­taufge­führten Kom­pon­is­ten Deutsch­lands – mit einem umfan­gre­ichen, vielfälti­gen Œuvre, in dem die Masse des Geschaf­fe­nen das Orig­inäre und Lebendi­ge sein­er Musik oft überdeck­te. Aber nicht aus Über­mut oder pur­er Lei­den­schaft kom­ponierte Raff en gros, son­dern notge­drun­gen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn erst als er 1856 nach Wies­baden geht und 1877 die Direk­tion des Frank­furter Kon­ser­va­to­ri­ums übern­immt und diesem Insti­tut höch­stes Anse­hen ver­schafft, gelangt sein arm­seliges, unstetes Leben in sichere Bah­nen. Zuvor hat­te schon die schick­sal­hafte Begeg­nung mit Franz Liszt, 1845 in Basel, große Hoff­nun­gen geweckt, mehr noch ihre Zusam­me­nar­beit von 1850 bis 1856 in Weimar, die Raff als Enthu­si­ast begann und als Dis­si­dent abbrach und von den „Neudeutschen“ zu Mendelssohn und Schu­mann zurück­ging.
Aus dieser Polar­isierung, auch aus den kün­st­lerischen Imag­i­na­tio­nen und den bril­lanten Instru­men­ta­tion­sid­een Raffs zieht die Neuein­spielung des Labels Chan­dos über­wälti­gend Gewinn. Nach den Gesam­tauf­nah­men von Mar­co Polo (1993) und Tudor (2003) spielt es mit dem exzel­len­ten Orchestre de la Suisse Romande unter Neeme Järvi und der klang­prächti­gen Präsen­ta­tion im SACD-For­mat ful­mi­nant alle Trümpfe aus. Unter den elf Sin­fonien Raffs ist die zweite in c‑Moll eine der weni­gen ohne Pro­gramm-Titel. Sie ent­stand 1866 in Wies­baden, wurde ein Jahr später durch die Königliche Hofkapelle uraufge­führt und 1869 vom Ver­lag Schott (Mainz) gedruckt. Ihre vier Sätze bezeu­gen, wie inspiri­ert Raff mit der Gat­tungstra­di­tion umge­ht: Der ver­meintlich akademis­che Anstrich wird durch uner­wartete struk­turelle, har­monis­che und far­bliche Finessen aufge­frischt; Genre-Ele­mente wer­den gekreuzt, Rhyth­men und Metren kont­rastvoll über­lagert und „Som­mer­nachtsspuk“ durch fein instru­men­tierten Holzbläserk­lang aufge­hellt.
Raffs vier Shake­speare-Vor­spiele Sturm, Mac­beth, Romeo und Julia und Oth­el­lo wur­den 1879 in Frank­furt kom­poniert und drei von ihnen in Wies­baden uraufge­führt; ein Ver­lag fand sich trotz inten­siv­er Bemühun­gen des Fre­un­des Hans von Bülow nicht. In seinen aus­drucksstarken Charak­ter­stück­en zeigt sich Raff als erfind­ungsre­ich­er Ton­po­et und glänzen­der Ton­maler von Liszt’scher Herkun­ft und Berlioz’scher Couleur. Die Musik spürt, frei geformt, den Hand­lungslin­ien nach und entwirft zarte Natur­bilder, vielschichtige See­lengemälde und brodel­nde Dra­men­szenen.
Auch diese Werke geri­eten in Vergessen­heit. Vielle­icht aber blieb Raff nicht nur durch die Cavati­na lebendig: Alexan­der Rit­ter, der Lehrer von Richard Strauss, war Schüler Raffs und hat gewiss einiges von dessen Kun­st der tondich­t­en­den und klangza­ubern­den Nach­welt über­mit­teln kön­nen.
Eber­hard Kneipel