Shostakovich, Dmitry

Symphony No. 13

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm MDG 937 1205-6
erschienen in: das Orchester 04/2007 , Seite 85

In dem von poli­tis­chen Repres­sio­nen geprägten Leben von Dmitri Schostakow­itsch spielt die 13. Sym­phonie Babi Yar eine beson­dere Rolle. Zwar war das Leben des Kom­pon­is­ten nach dem Tod des Dik­ta­tors Stal­in nicht mehr direkt bedro­ht, doch war, wie viele Intellek­tuelle und Kün­stler fest­stellen mussten, das Tauwet­ter der Chr­uschtschow-Ära nur von kurz­er Dauer. Die Entstal­in­isierung wurde nicht entsch­ieden fort­ge­set­zt, die Staats­macht entsch­ied sich let­ztlich gegen zu viel Offen­heit im Umgang mit der total­itären Ver­gan­gen­heit (und Gegen­wart).
In dieser prekären zeit­geschichtlichen Kon­stel­la­tion kom­ponierte Schostakow­itsch 1962 seine 13. Sin­fonie Babi Yar für Solobass, Bass­chor und Orch­ester. Den fünf Sätzen des Werks liegen Gedichte von Yevge­ny Yev­tushenko zugrunde, eines Dichters, dessen Werk von den Behör­den mit großem Arg­wohn betra­chtet wurde. Bernd Feucht­ner hat in seinem lesenswerten Schostakow­itsch-Buch die The­men der Sin­fonie und der ihr zugrun­deliegen­den Gedichte als „Anti­semitismus, poli­tis­ch­er Witz, Aus­beu­tung der Frau, Unter­drück­ung und Kar­ri­eris­mus“ charak­ter­isiert.
Im Rah­men sein­er Gesamtein­spielung aller Sin­fonien des rus­sis­chen Kom­pon­is­ten hat sich nun Roman Kof­man mit dem vom ihm seit der Sai­son 2003/04 geleit­eten Beethoven Orch­ester Bonn der 13. Sin­fonie angenom­men. Die bei MDG erschienene fünf-
te Folge der Gesamtein­spielung überzeugt ein­mal mehr durch das Klangkonzept der Auf­nahme. Sehr plas­tisch und dabei einem war­men, nie ster­il klin­gen­den Raumk­lang mit entsprechen­der Tiefen­staffelung verpflichtet, wurde das Werk in der Bad Godes­berg­er Heilig-Kreuz-Kirche aufgenom­men. Der aus Kiew stam­mende Kof­man kann sich – wie schon bei den bish­eri­gen Ein­spielun­gen der Schostakow­itsch-Serie – auf die hohe Klangqual­ität des Beethoven Orch­esters stützen, das in den ver­gan­genen Jahren an kün­st­lerisch­er Statur und instru­men­tal­tech­nis­ch­er Sou­veränität gewon­nen hat.
Kof­man zeich­net eine Schostakow­itsch-Sicht jen­seits alles Plaka­tiv­en aus, nie wird vorder­gründi­gen Effek­ten der musikalis­chen Struk­tur geopfert. Zudem lässt er sich bei der 13. Sin­fonie viel Zeit, die Details der Par­ti­tur auszuleucht­en. Dies wirkt gele­gentlich, beson­ders im Ver­gle­ich mit Gesam­tauf­nahme der Schostakow­itsch-Sin­fonien von Kyrill Kon­draschin, der die Urauf­führung des Werks leit­ete (Melo­dia 1001065, über Codaex), nicht unprob­lema­tisch. Obwohl Kon­draschin zen­surbe­d­ingte Ein­griffe in die Texte Yevge­ny Yev­tushenkos bei dieser Ein­spielung aus dem Jahr 1967 hin­nehmen musste, kann seine deut­lich schnellere Ein­spielung durch ihren kraftvollen Impe­tus und ihrer durchgängi­gen Span­nung überzeu­gen.
Artur Eizen bei Kon­drashin singt emo­tion­al ein­dringlich­er als der sehr zuver­läs­sige Bass Taras Shton­da bei Kof­man, der dafür mit mehr Stimmkul­tur aufwarten kann. Sou­veräne Gestal­tung und einen sehr aus­ge­wo­ge­nen Bassklang kön­nen auch die tiefen Män­ner­stim­men des Tschechis­chen Phil­har­monis­che Chor Brno bei der Bon­ner Auf­nahme ins Feld führen. Als Meriten der Auf­nahme Kof­mans ste­hen für die MDG-Ein­spielung das sehr aus­geglich­ene Orch­ester­spiel des Bon­ner Beethoven Orch­ester eben­so wie die guten Vokalleis­tun­gen, aber auch die Genauigkeit des Diri­gen­ten, der mit viel Über­sicht und pro­fun­der Musikalität einen möglichst objek­tiv­en Zugang zu der vielschichti­gen Par­ti­tur sucht.
Wal­ter Schneckenburger