Philip Glass

Symphony No. 12 „Lodger”

from lyrics by David Bowie and Brian Eno. Angélique Kidjo (Gesang), Christian Schmitt (Orgel), Filharmonie Brno, Ltg. Dennis Russell Davies

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Filharmonie Brno
erschienen in: das Orchester 9/2022 , Seite 67

Erst im Alter von 55 Jahren begann Philip Glass, der weltweit bekan­nteste Vertreter der Min­i­mal Music, Sin­fonien zu kom­ponieren. Inzwis­chen hat er seine Zwölfte fer­tiggestellt. Diese bezieht sich auf das let­zte Album der soge­nan­nten Berlin-Trilo­gie David Bowies Lodger (1979), in dem Bowie exper­i­mentell u.a. Welt­musik, Musique con­crète und Rap ein­be­zog. Die weit­eren Alben dieser Tri­olo­gie Low und Heroes bilde­ten die Rev­erenz für Glass’ 1. und 4. Sin­fonie. Im Gegen­satz zu diesen sind die Bezüge bei der 12. Sin­fonie keine musikalis­chen, son­dern nur textliche: Sechs ger­ingfügig mod­i­fizierte Song­texte von Bowie (drei davon zusam­men mit Bri­an Eno ver­fasst) hat Glass neu ver­tont. Ein sieben­ter Titel bildet das instru­men­tale Vorspiel.
Diri­gent Den­nis Rus­sell Davies ist eng mit Glass ver­bun­den. Er hat zehn Sin­fonien von ihm uraufge­führt, die zwölfte sog­ar mit ihm gemein­sam über­ar­beit­et. Und die aus dem west­afrikanis­chen Benin stam­mende Sän­gerin Angélique Kid­jo ist eine tre­f­fende Wahl als Gesangssolistin für diese Sin­fonie, spiegelt sie doch mit ihren Pro­jek­ten ver­schiedene Kul­turen, z.B. mit ihrer 2018 erschiene­nen Reafrikanisierung des Albums Remain in Light der Talk­ing Heads. Hinzu kommt Chris­t­ian Schmitts Orgel­spiel, das sich naht­los in den Gesamtk­lang einfügt.
Philip Glass ver­wen­det in sein­er 12. Sin­fonie stilis­tisch ver­traute Mit­tel. So begin­nt die instru­men­tale „Fan­tas­tic Voy­age“ mit Kaskaden von Dreik­langs­brechun­gen in meist dia­tonis­chen Fortschre­itun­gen, über denen sich varia­tiv Bläser­phrasen abwech­seln. Die Texte kom­poniert er nahezu ohne Wortwieder­hol­un­gen durch, und auch musikalisch wer­den Wieder­hol­un­gen weit­ge­hend aus­ges­part. Aus­nah­men bilden hier eine refrainar­tige Zeile im Satz „Move On“ („Can’t for­get you“), die aus einem Pop­song stam­men kön­nte, und die Aschan­ti-Worte in „African Night Flight“. Chro­ma­tis­che Fort­gänge, Medi­anten, Ganz­ton­leit­ern und Lamen­to-Bässe dominieren jet­zt das har­monis­che Geschehen. Der Orgelein­satz erin­nert eher an eine Kinoorgel, zuweilen kom­men Assozi­a­tio­nen an Marsch- und Film­musik auf. Pat­tern-Struk­turen wer­den im Lauf der Gesänge von illus­tra­tiv­en, durchkom­ponierten Teilen abgelöst. „Red Sails“ als langes Finale enthält eine Reprise der Einleitung.
Die Gesangslin­ien sind nicht sel­ten nahezu rez­i­ta­tivisch, teils etwas sper­rig. Kid­jos tiefe Stimme wird in der Tiefe sehr gefordert. Dass eine Frau Texte singt, die Hedo­nis­mus aus männlich­er Sicht feiern, ist ungewöhnlich.
In Glass’ 12. Sin­fonie ver­schwinden alle Gren­zen: die zwis­chen E und U, zwis­chen Stilen und Gen­res, zwis­chen Dar­bi­etungs- und funk­tionaler Musik. Das Werk ermöglicht einen ganz bre­it­en Zugang bei unter­schiedlich­sten Vor­erfahrun­gen und Hörgewohnheiten.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau