Mahler, Gustav

Symphony No. 1 “Titan”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Sony Classical 88843050542
erschienen in: das Orchester 10/2014 , Seite 74

Gus­tav Mahlers Sin­fonien sind in den ver­gan­genen Jahrzehn­ten ein so selb­stver­ständlich­er Teil des Konz­ertreper­toires gewor­den, dass man bei Neuauf­nah­men kaum noch auf Über­raschun­gen hof­fen darf. Allein die Suche nach der ersten Sin­fonie führt bei JPC zu über 500 Ergeb­nis­sen. Doch es kann sich auch hier lohnen, genauer hinzuse­hen. Im Ver­gle­ich zu Bruck­n­ers Sin­fonien und der Lyrik, die sich um all ihre Fas­sun­gen spin­nt, wird bei Mahler wenig über unter­schiedliche Ver­sio­nen ein und des­sel­ben Werks disku­tiert – dabei war der kom­ponierende Diri­gent Mahler ein akribis­ch­er Tüftler, der ohne Unter­lass an sein­er Musik feilte, und sei es nur an Fein­heit­en.
Ger­ade die beliebte erste Sin­fonie täuscht in ihrer (fast möchte man sagen: sattsam) bekan­nten Gestalt darüber hin­weg, dass bei der Urauf­führung 1889 in Budapest vieles noch ganz anders klang – und noch nicht ein­mal recht klar war, ob das Werk eine Sin­fonie wer­den sollte oder eine gewaltige Tondich­tung. Der Orig­i­nalk­lang-Spezial­ist Thomas Hen­gel­brock und sein NDR Sin­fonieorch­ester haben sich nun aus nachvol­lziehbaren Grün­den die Ham­burg­er Fas­sung der Ersten von 1893 vorgenom­men (erst­mals nach ein­er neuen kri­tis­chen Gesam­taus­gabe) und dabei Erstaunlich­es zutage gefördert. Nur als Hin­ter­grund sei auf das außer­musikalis­che Pro­gramm („Der Titan“) hingewiesen, das in Ham­burg einge­führt und bald wieder zurück­ge­zo­gen wurde, eben­so auf den „Blumine“-Satz an zweit­er Stelle, der später weg­fiel, aber doch nicht unbekan­nt ist.
Inter­es­sant sind gegenüber der üblichen Fas­sung die Details: Die erste Fan­fare im ersten Satz wird hier beispiel­sweise von Hörn­ern gespielt und nicht von Klar­inet­ten – zugle­ich ganz aus der Ferne, was für Mahlers Wis­sen um die Wirkung von Klan­gräu­men spricht, jedoch nur durch eine wirk­lich sehr gute Anlage (und im Konz­ert­saal) zufrieden­stel­lend wiedergegeben wird. Im drit­ten Satz fehlt eine Wieder­hol­ung, im let­zten Abschnitt ist die Laut­stärke mehr abgestuft.
Doch dass man immer wieder über diese Auf­nahme staunt, liegt beileibe nicht nur an der Fas­sung: Thomas Hen­gel­brock erweist sich ein­mal mehr als Magi­er der Klang­farbe und nimmt sich Frei­heit­en, die verblüf­fen und beglück­en. Die Kuck­uck­srufe der Klar­inette im ersten Satz zum Beispiel lässt er ganz frei spie­len – wann war der in der Spielan­leitung beschriebene „Naturlaut“ so plas­tisch greif­bar? Bei Hen­gel­brock fließen die Tem­pi, das Forte erhebt sich ele­gant statt her­risch aufzutrumpfen, etwa im let­zten Satz, wenn der große D-Dur-Choral erst­mals von den Hörn­ern intoniert wird: keine Kraftorgie, son­dern ein freudi­ger Gesang, der erstaun­licherweise noch weit­er zurückgenom­men wird, um später umso stärk­er her­vorzubrechen. Und auch der dritte Satz gewin­nt hier eine uner­hörte Leichtigkeit mit seinen deut­lich abgedämpften Schlusstö­nen, der lufti­gen Artiku­la­tion und den verzögerten Schlen­z­ern. Hen­gel­brock und das bestens aufgelegte NDR-Orch­ester suchen nicht nach Effek­ten, son­dern find­en sie ganz natür­lich in dieser wun­der­baren Musik.
Johannes Kil­lyen