Rasmussen, Sunleif

Symphony No. 1 “Oceanic Days” / Saxophone Concerto “Dem Licht entgegen”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dacapo 6.220506
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 84

1961 auf ein­er der Schaf­sin­seln mit­ten im Atlantik zwis­chen Nor­we­gen und Island geboren, begann Sun­leif Ras­mussen in Tór­shavn als Jazz- und Rock­musik­er, bevor er anf­ing sich für neuere Kun­st­musik zu inter­essieren und – als erster Men­sch der Färöer über­haupt! – in Kopen­hagen ein reg­uläres Kom­po­si­tion­sstudi­um auf­nahm. Mehr als sein Haupt­fach­lehrer am Königlichen Kon­ser­va­to­ri­um, der renom­mierte Sin­foniker Ib Nørholm, bee­in­flusste ihn dann die Paris­er Schule um Gérard Grisey und Tris­tan Murail, deren „Spek­tral­musik“ auch die finnis­che Kom­pon­istin Kai­ja Saari­a­ho prägte. Doch während diese in Paris „hän­gen blieb“, wo sich die men­tal­en Spuren ihrer Herkun­ft ver­flüchtigten, zog es Ras­mussen heim in seine Insel­welt. Färöis­che Natur und Volksmusik wan­dern auf ver­schlun­genen Pfaden ein in das farb­schim­mernde, ober­ton­flir­rende Kom­ponieren des Färingers, dem der Nordis­che Rat 2002 für die erste Sym­phonie Ocean­ic Days seinen jährlich vergebe­nen Musikpreis ver­lieh.
Seit ihn Nordic Sounds, die Zeitschrift des Nordis­chen Musikkomi­tees NUMUS, daraufhin mit ver­hangenem Blick vor sein­er steini­gen, grau­grü­nen Insel­land­schaft aufs Titel­blatt ban­nte, ist der Kom­pon­ist in Skan­di­navien kein unbeschriebenes Blatt mehr. Ein paar Seit­en weit­er ver­suchte der Kom­pon­ist, seine färöis­che Iden­tität in Worte zu fassen: „Das Idyl­lis­che und das Erschreck­ende, das sich ent­lang ein­er Gren­ze unbes­timm­baren Sehnens trifft – vielle­icht mag das als Bild dienen für ein beson­deres färöis­ches Lebens­ge­fühl.“
Ras­mussens Werk­ti­tel ver­weisen auf die Insel­natur mit ihren rasch wech­sel­nden Wet­tern. Der poet­is­che Titel sein­er 1995–97 ent­stande­nen ersten Sym­phonie bezieht sich unmit­tel­bar auf ein Gedicht des färöis­chen Schrift­stellers William Heine­sen: Wieder ein­er dieser ozeanis­chen Tage. Auf der Ebene des musikalis­chen Mate­ri­als schöpft der Kom­pon­ist aus dem Fun­dus der alten Volksmusik des Archipels. Nicht „wörtlich“ allerd­ings, son­dern indem er Klänge und Melos aus dem Ober­ton­spek­trum alter färöis­ch­er Melo­di­en ableit­et. Sog­ar rhyth­mis­che Gestal­ten, die seine Musik isometrisch durchziehen, gewin­nt er – wie im Book­let angedeutet – in einem bes­timmten Ver­fahren aus ihnen.
Als Ton- und Klangquelle für seine Sym­phonie nutzte Ras­mussen das Volk­slied Herr Sin­klar und das Kirchen­lied Ich liege hier in großem Elend, wobei die „Volk­slied­sub­stanz“ die raschen und licht­en Teile des dreisätzi­gen Werks durch­dringt, während die getra­ge­nen, lyrischen Episo­den der alten dänis­chen Choralmelodie entsprin­gen. Aus dem Vagen herk­om­mend, schwillt seine Musik in Wellen­be­we­gun­gen, die sich gle­ich­sam Gis­cht sprühend brechen. Das Orch­ester gibt immer wieder Raum für solis­tis­che Ein­mis­chun­gen und Dialog­par­tien. Mit­ten im drit­ten Satz taucht die Tuba aus dem Klangge­woge auf wie ein Blauw­al aus dem Meer.
Auch dem Sax­o­fonkonz­ert Dem Licht ent­ge­gen von 2001 liegt ein „Urthe­ma“ zugrunde, der Choral Wie die gold­ene Sonne her­vor­bricht. Das über­aus kurzweilige Konz­ert fol­gt der Idee „Aus der Tiefe in die Höhe“ oder „Vom Dunkel ins Licht“: In vier far­blich, charak­ter­lich und bewe­gungsmäßig abgestuften Sätzen arbeit­et sich die hochvir­tu­ose Solistin vom Bari­ton- zum Sopransax­o­fon empor. Das Dan­ish Nation­al Sym­pho­ny Orches­tra versenkt sich unter dem finnis­chen Diri­gen­ten Han­nu Lin­tu tief in die Grot­ten der färöis­chen Seele.
Lutz Lesle