Andris Dzenītis
Symphony No. 1 „Love is Stronger“/Symphony No. 2 „Warm Wind“/ Vientuļā priede (The Lonely Pine Tree)
Liepāja Symphony Orchestra, Ltg. Guntis Kuzma und Christian Lindberg
Piccoloflöte, Templeblock, Klavier, Snaredrum, Harfe, große Trommel – mit den spärlichen Tönen dieser Instrumente kommen die ersten zwei, drei Minuten dieser Musik wie aus dem Nichts. Doch schnell erscheinen weitere Farben, der Klang fächert sich auf, auch dynamisch. Streicher, Holzbläser, Hörner mischen sich hinzu. Andris Dzenītis’ Sinfonie Nr. 1 weckt vom ersten Moment an Neugier und schafft Atmosphäre – zugegeben keine, die man spontan mit Begriffen wie Fröhlichkeit, Freundlichkeit oder Harmonie beschreiben würde, eher im Gegenteil! Dem fahl und irgendwie geheimnisvoll wirkenden Beginn dieser durchkomponierten 1. Sinfonie, die der 1978 in Riga geborene Andris Dzenītis im Jahr 2017 vollendet hat, folgt eine knapp halbstündige Musik, die durch Höhen und Tiefen zu führen scheint. Dzenītis hat ein ausgeprägtes Gespür dafür, die entgegengesetzten Pole Spannung–Entspannung dramaturgisch raffiniert zu gestalten. „Liebe ist stärker“ ist seine Sinfonie untertitelt. Das klingt etwas pathetisch. Ist es aber nicht, denn offensichtliches Movens seiner Komposition war eher das Gegenteil von Liebe: eine Welt im Chaos, voller Gewalt. „In meiner Symphonie erscheint die Liebe, wenn die Musik verklingt“, schreibt Dzenītis im CD-Booklet. Damit ist ein vielleicht visionärer, ja utopischer Blick beschrieben, einer, der sich über das aktuelle Hören hinaus Gedanken macht über das Hier und Jetzt.
Es ist gut, dass das feine Label Skani zum wiederholten Mal Dzenītis’ Musik dokumentiert. Auch ein Teil des im Juli 2002 gegründeten Latvian Music Information Centre setzt sich sehr engagiert für die Förderung und Verbreitung lettischer Musik ein. Die hat Dzenītis unbedingt verdient, ablesbar auch an dessen Sinfonie Nr. 2 aus dem Jahr 2021. Inspiriert von einem herbstlichen Spaziergang an der lettischen Ostseeküste, gießt der Komponist seine Eindrücke in Klänge, die unmittelbar sprechende Bilder vor dem geistigen Auge evozieren. Dabei ist Dzenītis Lichtjahre davon entfernt, in irgendeine Art (Neo-)Romantik zurückzufallen. Dies auf keinen Fall. Seine Musik, vielschichtig und motivisch ungemein reichhaltig angelegt, ist ganz auf der Höhe der Zeit und führt, je öfter man sie hört, zu immer neuen Entdeckungen – sprich: Man wird sehr lange nicht mit ihr „fertig“. Auch nicht mit Vientuļā priede (Die einsame Kiefer), in dem Dzenītis das Fragment einer (spätromantischen) Komposition von Emīls Dārziņš (1875–1910) verarbeitet.
Idealer Partner dieser bemerkenswerten Produktion ist das 1881 gegründete Liepāja Symphony Orchestra, das älteste Orchester der baltischen Staaten mit sicherem Gespür für das Neueste.
Christoph Schulte im Walde


