Mahler, Gustav

Symphony No. 1 D‑Dur

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler 93.137
erschienen in: das Orchester 04/2006 , Seite 89

Mahlers erste Sym­phonie in D‑Dur gehört heute zum Stan­dard-Reper­toire der Sym­phonieorch­ester. Auch an Plat­te­nauf­nah­men des Werks ist kein Man­gel, nicht wenige Diri­gen­ten haben sie mehrfach aufgenom­men. Und doch lässt sich das schein­bar so bekan­nte Werk auch ganz anders und neu hören. Das bele­gen zwei neue CD-Ein­spielun­gen der Ersten.
Die eine ent­stand mit dem SWR Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart unter seinem Chefdiri­gen­ten Roger Nor­ring­ton als Mitschnitt in der Stuttgarter Lieder­halle. Roger Nor­ring­ton musiziert seit einiger Zeit ver­mehrt auch spätro­man­tis­che Musik in seinem längst schon sprich­wörtlichen „Stuttgart Sound“. Die CD mit der ersten Sin­fonie beweist, dass Nor­ring­ton auch bei Mahler eben­so span­nende und prä­gende Akzente set­zt wie bei Beethoven, Berlioz, Schu­mann oder Brahms. Dank ein­er durch den weit­ge­hen­den Verzicht auf Vibra­to gestochen schar­fen und durch­hör­baren Klanggestalt sowie aus­ge­sprochen flüs­si­gen und strin­gen­ten Zeit­maßen macht Nor­ring­ton mit seinem exzel­lent spie­len­den und fest auf seinen Stil eingeschwore­nen Orch­ester unglaublich viele son­st unterge­hende Details hör­bar. Er gibt dem in der fün­f­sätzi­gen Fas­sung mit „Blu­mine“ an zweit­er Stelle gespiel­ten Werk eine lei­den­schaftlich bewegte und bewe­gende Gestalt. Es ist ein Mahler, der zeigt, wie mod­ern und kom­plex die Erste in einem Spiel mit reinem, vibra­tolosem Ton klingt – und wie rhyth­misch straff, klan­glich geschärft und impul­siv diese Par­ti­tur wirkt, wenn sie frei von (pseudo)romantischen Sen­ti­men­tal­itäten gespielt wird.
Bei der anderen Neuauf­nahme liegt das Beson­dere, Neuar­tige weniger in der Art der Inter­pre­ta­tion, wiewohl diese gelun­gen und durch Klang­pracht sowie eine eben­so drama­tisch akzen­tu­ierte wie weiträu­mige Anlage aus­geze­ich­net ist, son­dern in der ungewöhn­lichen Werkgestalt – und in der höchst verblüf­fend­en Verbindung der ersten Mahler-Sin­fonie mit dem bis dato unbekan­nten Werk eines Zeitgenossen.
Das Phil­har­monis­che Orch­ester Hagen hat unter seinem jun­gen und zu Recht viel gelobten Gen­eral­musikdi­rek­tor Antho­ny Her­mus die Ham­burg­er Fas­sung der ersten Sin­fonie von 1893 einge­spielt, bei der Mahler das Werk noch ganz in pro­gram­ma­tis­ch­er Absicht Titan – Eine Tondich­tung in Sym­phonieform genan­nt hat. Das Werk ist in zwei Abteilun­gen – „Aus den Tagen der Jugend“ und „Com­me­dia humana“ – unter­gliedert und enthält an zweit­er Stelle den erwäh­n­ten „Blumine“-Satz. Auf­fäl­lig sind im Unter­schied zur heute üblicher­weise gespiel­ten Ver­sion die zahlre­ichen Unter­schiede in der Instru­men­ta­tion, die hier noch weich­er und weniger charak­ter­is­tisch erscheint.
Dass Mahler seine Par­ti­turen häu­fig über­ar­beit­et hat, ist bekan­nt. Hier ist es nun am Fall der Ersten in auf­schlussre­ich­er Weise hörend nachzu­vol­lziehen. Noch aufre­gen­der an dieser Ein­spielung, die gle­ich in zwei Scheiben als CD und DVD geliefert wird, ist der vor Mahlers Sym­phonie zu hörende Mitschnitt der Urauf­führung der E‑Dur-Suite von Mahlers Stu­di­enkol­le­gen Hans Rott, die 1878 ent­stand, aber erst im April 2005 in Hagen zum ersten Mal erk­lang. Die Mahler-Nähe der E‑Dur-Sin­fonie von Hans Rott, die auch erst seit eini­gen Jahren im musikalis­chen Bewusst­sein ist, ste­ht außer Frage. Aus der jet­zt bekan­nt gewor­de­nen E‑Dur-Suite Rotts hat Mahler für seine erste Sin­fonie ganz konkret das apotheo­tis­che Choralthe­ma für das Finale über­nom­men, das sein­er­seits in sein­er Quar­ten­struk­tur im Anfang der Ersten grundgelegt ist. Diese Entsprechung eröffnet ganz neue inter­pre­ta­torische Wege zum Ver­ständ­nis der Ersten. Jörg Rothkamm geht im Book­let sog­ar soweit, den am Leben gescheit­erten Hans Rott zum Helden der Ersten und Zweit­en Mahlers zu erk­lären. Eine nach dem Hören dieser CD keineswegs abseit­ige These.
Karl Georg Berg