Bruckner, Anton

Symphony IX, Reloaded

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Preiser Records PR 90728, 2 CDs
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 80

Den Bruck­n­er-Inter­pre­ta­tio­nen von Peter Jan Marthé ver­danke ich die erfrischende Erken­nt­nis, dass Men­schen sich in Inter­net­foren auch über klas­sis­che Musik aus­tauschen. Über die Frage etwa, ob es statthaft sei, aus den drei Fas­sun­gen der drit­ten Bruck­n­er-Sin­fonie eine zu machen. Oder über eine Rekon­struk­tion des let­zten Satzes der neun­ten Sin­fonie, deren Autor allen Ern­stes behauptet, Bruck­n­er per­sön­lich habe ihm befohlen, das Werk zu vol­len­den.
Peter Jan Marthé emo­tion­al­isiert, spal­tet die Fach­welt und zieht neue Hör­erschicht­en in seinen Bann. Das kön­nen nicht viele von sich behaupten. „Viel zu lange waren Bruck­n­ers Sym­phonien Zankapfel ein­er elitären musik­wis­senschaftlichen Gelehrten­zun­ft“, schreibt er. Die Sin­fonien sind für ihn magis­che Rit­uale und Schlacht­felder, auf denen sich Dämo­nen und Heilige tum­meln, schließlich Ini­ti­a­tion­sriten, die das Tor zu ein­er höheren Form des Daseins auf­s­toßen. Und dies ist wohl das zen­trale Anliegen des ehe­ma­li­gen Celi­bidache-Schülers, der sich in einem Indi­en-Aufen­thalt östlich­er Spir­i­tu­al­ität zuwandte und zugle­ich überzeugter Christ ist: Bruck­n­er von der „Last“ der Philolo­gie zu befreien, die Sinne frei zu machen für das unmit­tel­bare musikalis­che Erleben.
Das fiele bei „ganz nor­malen“ Inter­pre­ta­tio­nen von Bruck­n­er-Sin­fonien freilich schw­er, denn wodurch sollte ger­ade auf dem Schallplat­ten­markt noch ein Alle­in­stel­lungsmerk­mal zu erre­ichen sein? Ein wenig beckmesserisch darf man deshalb behaupten, dass die stre­it­baren Ergänzun­gen in der drit­ten und der neun­ten Sin­fonie die Aufmerk­samkeit für Marthés Anliegen deut­lich befördert haben.
All das funk­tion­iert freilich nur, wenn die Qual­ität stimmt. Und sie stimmt bei Peter Jan Marthé und dem Euro­pean Phil­har­mon­ic Orches­tra, das sich in diesen zwei Livemitschnit­ten geschlossen und sou­verän präsen­tiert. Es kracht und don­nert in der Linz­er St. Flo­ri­ans­basi­li­ka, doch wird hier kein rein­er Bom­bast-Bruck­n­er geboten, vielmehr eine höchst dif­feren­zierte, rhyth­misch akzen­tu­ierte, gedehnte, aber nie zerdehnte Lesart. So zart und warm hat man san­gliche Pas­sagen sel­ten gehört, sel­ten so weich die Choräle.
Doch zurück zu Marthés Bear­beitun­gen: Sie haben ihm vor allem deshalb Schelte einge­bracht, weil unter­stellt wird, er wähne sich im Besitz des Wis­sens um die wahre Inten­tion des Meis­ters. Das ist nicht ganz falsch, doch ist es Marthé eher darum zu tun, der „authen­tis­chen Musikprax­is“ ihre Gren­zen aufzuzeigen und deut­lich zu machen, „dass ein Meis­ter­w­erk der Ver­gan­gen­heit nur dann [atmet], wenn sich in ihm die unmit­tel­bare Gegen­wart wider­spiegelt“. Altes neu zu hören, darum geht es hier.
Und in der Tat: Wer Bruck­n­ers Dritte ken­nt, wird über­rascht sein von der Fusion ver­schieden­er Fas­sun­gen, von dem Posi­tion­stausch der Sätze zwei und drei, der dezent erneuerten Instru­men­ta­tion (mit Kon­tra­basstu­ba) und den neu kom­ponierten Pas­sagen. Das Ergeb­nis erre­icht – auch wegen bre­it­er Tem­pi – nie da gewe­sene Aus­maße, enthält aber immer noch nicht alle wesentlichen Ele­mente der drei Bruck­n­er-Fas­sun­gen und kann daher nicht mehr als ein beein­druck­ender Diskus­sions­beitrag zum The­ma sein. Warum der Diri­gent sich hier für diese, dort für jene Ver­sion entschei­det, ver­rät er übri­gens nicht.
Wie viel Dich­tung schließlich in Marthés Schlusssatz der neun­ten Sin­fonie steckt, das zeigt der Ver­gle­ich mit der Auf­nahme eines Gespräch­skonz­erts, in dem Niko­laus Harnon­court ein­mal Orig­i­nal-Frag­mente vorgestellt hat. Marthé hat im Prinzip ein neues Werk kom­poniert, aber eines, das sehr nach Bruck­n­er klingt. Und einem spätestens am Ende, wenn alle wichti­gen The­men der Bruck­n­er-Sin­fonien 7 bis 9 zusam­mengewür­felt wer­den, gewaltige Schauer über den Rück­en jagt. Marthés Auf­nah­men ver­wirren bis zum Schluss – und sie tun es schon beim Anblick des Cov­ers, auf dem der Diri­gent vor einem Ster­nen­him­mel über eine Bruck­n­er-Büste hin­weg­blickt. „Bruck­n­er Reloaded“ ste­ht darüber. Willkom­men zwis­chen Him­mel und Hol­ly­wood.
Johannes Killyen