Korngold, Erich Wolfgang

Symphony in F sharp / Tänzchen im alten Stil

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Ondine ODE 1182-2
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 73

Die Gnade der späten Geburt: gern zitierte poli­tis­che Floskel; in der Musikgeschichte ist die Gnade nicht sel­ten gle­ichzeit­ig ein Fluch. Kein besseres Beispiel für die Tragik dieses merk­würdi­gen Zwis­chen-die-Zeit­en-Ger­atens als Erich Wolf­gang Korn­gold.
Als Wun­derkind noch in ein­er Fin-de-Siè­cle-Ästhetik ver­haftet – irgend­wo nahe Mahler oder Schrek­er – ist der Sohn des großen alten Kri­tik­ers ein­er, der vielver­sprechende Tal­ente mit­bringt, die sich in Früh­w­erken wie der Pan­tomime Der Schnee­mann artikulieren, aber sich im Bewusst­sein fortschritts­gläu­biger Ästhetik­er nicht erfüllt haben. Fast tragisch am Erfolg sein­er Oper Die tote Stadt gemessen, wird er im Ver­hält­nis zu anderen europäis­chen Emi­granten zwar rechtzeit­ig auf den Musik­markt in Hol­ly­wood gewor­fen. Auch da erfol­gre­ich, wird er aber ein­er bleiben, der zwis­chen den Wel­ten ste­ht – zeitlich wie räum­lich – und dessen Musik diese Rei­bung auch deut­lich spiegelt. Passt man in keine Schublade, wird man leicht vergessen. Und so lassen sich noch heute Werke zutage fördern, die kaum jemand ken­nt und die genau diesen Wider­spruch zwis­chen alter und neuer Welt, von Noch-Nicht und Nicht-Mehr spiegeln.
Die Neuein­spielung, die das Helsin­ki Phil­har­mon­ic Orches­tra auf den Markt gebracht hat, zeigt den frühen neben dem späten Korn­gold, ist das Porträt eines eben immer Unzeit­gemäßen. John Stor­gards hat mit dem Klangkör­p­er sowohl die F‑Dur-Sin­fonie des Kom­pon­is­ten aus den späten 1940er und frühen 1950er Jahren als auch das Tänzchen im alten Stil von 1919 einge­spielt. Und der Effekt ist erstaunlich, denn neben dem beschriebe­nen werkim­ma­nen­ten Gegen­satz sind es schon Merk­male ein­er ein­heitlichen und charak­ter­is­tis­chen Hand­schrift, die zutage treten, Par­al­le­len, die sich auf­tun zwis­chen dem Früh- und dem Spätwerk. Das liegt vor allem an der so klaren Konzep­tion Stor­gards’, der mit dem Helsin­ki Phil­har­mon­ic vor allem um einen fast sach­lichen Klang bemüht ist. Das rel­a­tiviert sich von selb­st – angesichts der sinnlichen, streck­en­weise fast schwülen Anlage der Sin­fonie. Die würde mit Sicher­heit ohne Hol­ly­wood anders klin­gen und der entsprechende Ges­tus lässt sich auch nicht wegdisku­tieren, aber Stor­gards set­zt geschickt auf die Brüche zur tra­di­tionellen Form und zu ein­er avant­gardis­tis­chen Ton­sprache im frühen 20. Jahrhun­dert in Europa.
Das Früh­w­erk mag viele „Ismen“ bemühen. Den­noch hat das Tänzchen so viel Eigenes, das sich das Hin­hören durch­weg lohnt. Es ist das geschick­te Spiel mit Form und Struk­tur, mit Aktu­al­ität und Möglichkeit. Mehr als der Titel ver­spricht, ist es trotz­dem nicht. Eine Ent­deck­ung ist diese Plat­te aber den­noch alle­mal, auch wenn sie nicht wirk­lich über­rascht.
Tat­jana Böhme-Mehner