Haydn, Joseph

Symphonies Nos. 1, 96, 101/ Documentary: Sir Roger Norrington – Dirigent zwischen Stuttgart und Berkshire

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Hänssler DVD 93.904
erschienen in: das Orchester 09/2009 , Seite 73

Das ist eine sehr wichtige und beson­ders schöne Neuer­schei­n­ung zum Haydn-Jahr – und eine würdi­ge zum 75. Geburt­stag eines sein­er heute bedeu­tend­sten Inter­pre­ten. Es gibt wenige Diri­gen­ten unser­er Zeit, die die hin­ter­gründi­ge Orig­i­nal­ität und den geistre­ichen Witz der Sin­fonik Haydns so tre­f­fend und mitreißend zur Wirkung brin­gen wie Sir Roger Nor­ring­ton. Der englis­che Mae­stro, seit elf Jahren Chefdiri­gent des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR, hat sich immer wieder inten­siv der Musik Haydns angekom­men und betont zu Recht immer wieder, wie wichtig ein sprechen­des Musizieren, die richti­gen Tem­pi und leuch­t­ende Trans­parenz im Satz sind, um Haydns scharf­sin­ni­gen Kom­po­si­tio­nen gerecht wer­den zu kön­nen.
In den auf dieser DVD doku­men­tierten Konz­er­taufze­ich­nun­gen aus dem Beethoven­saal der Stuttgarter Lieder­halle – ger­ade bei Haydn ist es eine beson­dere Freude, Sir Roger bei seinem humor­vollen, aber auch sehr beze­ich­nen­den Dirigieren zuzuse­hen – demon­stri­ert Nor­ring­ton dies exzel­lent an den bei­den Lon­don­er Sin­fonien Nr. 96 D‑Dur „The Mir­a­cle“ (Das Wun­der) und Nr. 101 D‑Dur „The Clock“ (Die Uhr).
Im reinen Ton des „Stuttgart Sound“, zün­den­den und impul­siv­en Zeit­maßen – die im Fall des ersten Alle­gro aus der „Wunder“-Sinfonie auch ein­mal zurück­hal­tender als son­st üblich aus­fall­en kön­nen, im munteren Andante der „Uhr“ aber nur so den Beina­men ver­ständlich machen –, aus­ge­feilt bis in kle­in­ste Details in Artiku­la­tion und Phrasierung sowie erre­gend in der Dynamik wer­den Haydns Sin­fonien zu einem prick­el­nden musikalis­chen Vergnü­gen, zu ein­er quick­lebendi­gen und ani­mieren­den klin­gen­den Ent­deck­ungsreise voll über­raschen­der Wen­dun­gen. Das ganze Orch­ester ist ständig in bril­lant geführtem „Gedanke­naus­tausch“. Jedes Motiv, jede Phrase sagt etwas, hat gestochen schar­fes Pro­fil und unver­wech­sel­baren Charak­ter. Das ist Haydn pur.
Von den gle­ichen Tugen­den bes­timmt ist die Wieder­gabe der ersten Haydn-Sin­fonie, die auch in D‑Dur ste­ht und hier ohne Diri­gent, aber in dessen Anwe­sen­heit auf dem Podi­um von Musik­ern des RSO in solis­tis­ch­er Beset­zung gespielt wird.
Ergänzt wird die DVD durch die Doku­men­ta­tion Sir Roger Nor­ring­ton – Diri­gent zwis­chen Stuttgart und Berk­shire, ein Film von Karl Thumm. Diese Doku­men­ta­tion ist ein gelun­ge­nes Beispiel für ein eben­so lebendi­ges und heit­eres, aber eben auch ein­fühlsames und erhel­len­des Kün­stler­porträt. Es zeigt Nor­ring­ton bei der Probe­nar­beit und bei Konz­erten mit dem RSO in Stuttgart und bei den BBC-Proms 2008 in Lon­don, lässt ihn und seine Musik­er sowie RSO-Orch­ester­man­ag­er Felix Fis­ch­er zu Wort kom­men – und es zeigt Nor­ring­ton in seinem ländlichen Refugium in Berk­shire, wohin er auch sein Orch­ester ein­ge­laden hat. Der Film verbindet sehr geschickt einzelne Schlaglichter miteinan­der. Obwohl teil­weise sehr alltägliche Begeben­heit­en gefilmt wur­den – Sir Roger beim Friseur –, ver­mit­telt der Beitrag wesentliche Züge dieses her­aus­ra­gen­den Kün­stlers und macht sein prä­gen­des musikalis­ches Cre­do begreif­bar.
Karl Georg Berg