Franz Schubert
Symphonies No. 7 & 4
Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg. Paavo Järvi
„Hören Sie sich eigentlich gerade zu?“ Mit dieser Frage betitelt Kabarettist und Autor Josef Hader seine kurze Glosse, die im CD-Booklet die herkömmlichen Ausführungen zur Musik ersetzt. Und rasch wendet er sich von hier aus der Situation innerhalb der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zu, indem er deren Mitgliedern ein „gegenseitiges Zuhören“ attestiert, aus dem „eine gemeinsame Gewissheit“ resultiere, die im Zusammenspiel „höchstes Risiko“ erlaube. Das Ergebnis wiederum könne anhand der beiden Moll-Sinfonien Franz Schuberts als „selbstverständliche, lebendige, atmende Musik“ bestaunt werden.
Auch wenn Hader sich als „schlichter Zuhörer“ ohne großes Hintergrundwissen begreift, trifft seine Beobachtung den Charakter der Einspielung: Denn schlackenlos, ohne Überzeichnung und überflüssiges Pathos werden die Sinfonien Nr. 7 und Nr. 4 hier dargeboten. Insbesondere der h-Moll-Sinfonie steht dies gut zu Gesicht. Bereits der Beginn in den tiefen Registern lässt die Orientierung an der Kraft des Gesangs spüren und mündet in eine plastische Gestaltung des Kopfsatzthemas, die durch Präzision im Zusammenspiel und dynamischen Kontrastreichtum unterstrichen wird. Wie stark feinste Nuancen des Vibratos als Klangfarbe wirken können, zeigt das in zügigem Ländlertempo angestimmte zweite Thema, das geschickt die Klippen der Sentimentalität umschifft. Ein solch feiner, sorgfältig modellierter Zugang bestimmt auch den weiteren Verlauf. Akzente und dramatische Gesten der Durchführung werden hierbei in eine stringente Bewegung eingepasst, die kontrolliert wie ein Uhrwerk abläuft. Der Musik verleiht dies eine dramatische Unaufhaltsamkeit. Vergleichbares bietet der Zugang zum Andante: Der Ausdruckskontrast zwischen erstem und zweitem Thema ist sehr groß, aber mit minimalen Mitteln durch akribische Gestaltung von Klangfarbe und Artikulation gezeichnet. Die von Synkopen geprägten Moll-Abschnitte werden durch ihre genaue Wiedergabe zu katastrophischen Verdichtungen des Geschehens.
Gegen diese fulminante Lesart der „Unvollendeten“ hat es die c-Moll-Sinfonie mit ihrer Nähe zum Klang Mozart’scher und Beethoven’scher Vorbilder deutlich schwerer. Auch hier setzt Paavo Järvi im Kopfsatz auf einen klaren, an der Melodik orientierten Vortrag, dessen dramatische Nuancen aus der Präzision des Zusammenspiels entwickelt werden. Das Andante bewahrt bei aller lyrischen Haltung eine gewisse tänzerische Spannung, während das Menuett durch dynamische Herausarbeitung musikalischer Irregularitäten gekennzeichnet ist. Diese starken Eindrücke verflüchtigen sich allerdings im Allegro-Finale, dessen etwas lärmender Umschlag vom Tragischen ins Emphatische mit einem Verlust an Spannung einhergeht.
Stefan Drees


