Schumann, Robert

Symphonies No. 2 & No. 4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic 93.161
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 84

Robert Schu­manns Eige­nart war es, sein kom­pos­i­torisches Schaf­fen über einen län­geren Zeitraum hin jew­eils auf ein Genre zu fokussieren. Auf das Lieder­jahr 1840 mit etwa 150 Liedern und Gesän­gen fol­gte 1841 das Sin­fonien­jahr, in dem drei der ins­ge­samt fünf sin­fonis­chen Arbeit­en, die später fol­gen­den Konz­erte ausgenom­men, ent­standen. Neben ein­er ersten Auseinan­der­set­zung mit der sin­fonis­chen Form im Jahr 1832 (Zwick­auer Sin­fonie) kom­ponierte Schu­mann 1841 die B‑Dur-Sin­fonie op. 38, die lock­er gefügte Rei­hung „Ouvertüre, Scher­zo und Finale“ op. 52 und die d‑Moll-Sin­fonie op. 120, die im sin­fonis­chen Gesamtwerk Schu­manns unter Nr. 4 geführt, aber der Chronolo­gie nach die zweite Sin­fonie ist. Die C‑Dur-Sin­fonie op. 61 ent­stand in den Jahren 1845/46, 1851 fol­gte die Es-Dur-Sin­fonie op. 97.
Roger Nor­ring­ton hat mit dem Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR die vier Schu­mann-Sin­fonien nun in einem Konz­ert­mitschnitt vom Europäis­chen Musik­fest Stuttgart des Jahres 2004 vorgelegt. Zu erwarten waren von dem Experten der his­torischen Auf­führung­sprax­is, der dieses Wis­sen um eine sprach­na­he Deklam­a­torik, eine lebendi­ge Artiku­la­tion und die vibra­tolose Rein­heit des Klangs mit einem mod­er­nen Klangkör­p­er umzuset­zen ver­ste­ht, neue Ein­sicht­en in Struk­tur und Klang­bal­ance dieser Werke. Und tat­säch­lich, der oft vorge­brachte Vor­wurf der Instru­men­ta­tion­s­män­gel Schu­manns erweist sich hier als weit­ge­hend gegen­stand­s­los. Das Finale der Sin­fonie Nr. 2 C‑Dur beispiel­sweise wird von Nor­ring­ton sehr durch­sichtig gehal­ten, alle mas­sive Klan­glichkeit kon­nte dem Satz dank sein­er Inten­tion, jede melodis­che Phrase in der ihr eige­nen Aus­druck­skraft auszuleucht­en, aus­getrieben wer­den.
Auch der Kopf­satz der Sin­fonie Nr. 4 d‑Moll zeigt zwar alle nötige Präg­nanz, das son­st oft zu erlebende Über­maß an Schlagkraft aber ist zurückgenom­men zugun­sten ein­er uner­hörten Trans­parenz und Pro­fil­ierung der Stimm­führung. Und im Final­satz dieser Sin­fonie hört man die Stret­ta ein­mal ohne das gewöhn­lich über­drehte Wühlen in ihren rol­lieren­den Fig­uren. Über­haupt hält sich Nor­ring­ton in der Tem­pon­ahme oft­mals eher ein wenig zurück, was dem Blick aufs Detail zugute kommt.
Und auch die Emphase hat in Nor­ring­tons Sichtweise ihre Gren­zen: So zeigt der Kopf­satz der Sin­fonie Nr. 3 Es-Dur zwar den erwarteten Enthu­si­as­mus, aber der Ges­tus erweist sich doch als maßhal­tend kon­trol­liert. Und im Scher­zo der Sin­fonie Nr. 1 B‑Dur lässt Nor­ring­ton sein Orch­ester zwar dur­chaus beherzt zupack­en, in der tänz­erischen Aus­for­mulierung erlegt er seinen Instru­men­tal­is­ten aber vornehme Zurück­hal­tung auf.
Die Stuttgarter Radios­in­foniker zeigen sich hier ein­mal mehr als ein agiler und höchst präzis­er Klangkör­p­er, der die Aus­druck­swerte feinsin­nig auszuhören ver­ste­ht, zwis­chen musikalisch dis­parat­en Gestal­ten (so etwa im Kopf­satz der ersten Sin­fonie) organ­isch zu ver­mit­teln ver­mag und in den Entwick­lung­sprozessen einen lan­gen Atem zu wahren weiß.
Thomas Bopp