Czerny, Carl

Symphonies No. 2 & 6

Rubrik: CDs
Verlag/Label: hänssler Classic CD 93.169
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 94

Jed­er Klavier­schüler ken­nt die Schule der Geläu­figkeit von Carl Czerny (1791–1857). Den großen Wiener Päd­a­gogen und Pianis­ten machen seine zahlre­ichen Etü­den bis auf den heuti­gen Tag berühmt und berüchtigt zugle­ich. Er selb­st wurde vom mit­tleren Beethoven unter­richtet und lehrte später den jun­gen Liszt. Als Kom­pon­ist eines beachtlichen Œuvres saß er zwis­chen den Stühlen des grundle­gen­den Stil­wan­dels im ersten Drit­tel des 19. Jahrhun­derts. In Mozarts Todes­jahr geboren, kam Czerny als Roman­tik­er eigentlich zu früh, als Klas­sik­er zu spät auf die Welt. Seine Werke führen eine klas­sizis­tis­che Lin­ie weit­er, die spür­bar auf Beethoven fußt. Zudem war er ein aus­ge­sproch­en­er „Patch­work­er“. In seinem Schrank, so informiert uns das Book­let dieser neuen Auf­nahme der zweit­en und zech­sten Sym­phonie, lagerte er aller­hand Muster für Pas­sagen und Fig­u­ra­tio­nen, die er je nach Bedarf seinen Kom­po­si­tio­nen ein­fügte.
Dem pol­nis­chen Diri­gen­ten Grze­gorz Nowak haben wir diese Auf­nahme zu ver­danken. 2002 hat er die sech­ste Sym­phonie für das „Carl Czerny Fes­ti­val“ im kanadis­chen Edmon­ton wieder­ent­deckt und erst­mals nach 150 Jahren aufge­führt. Am Ende sein­er Zeit als Chef des SWR Rund­funko­rch­esters Kaiser­slautern (2001- 2004) ent­stand diese Wel­ter­stein­spielung der sech­sten Sym­phonie. An der Seite der zweit­en Sym­phonie mit der staunenswerten Opuszahl 781 kann sich der Hör­er einen guten Ein­druck von zwei gän­zlich unbekan­nten Orch­ester­w­erken ver­schaf­fen. Die Sym­phonien wer­den von den Musik­ern aus Kaiser­slautern mit viel Schwung und Esprit gespielt.
Das wertet die Kom­po­si­tio­nen auf, die so manch schöne Stelle und melodisch wirkungsvolle Erfind­ung besitzen. For­mal geben sie sich natür­lich eher kon­ser­v­a­tiv. Die vier­sätzige Anlage mit einem Scher­zo an jew­eils drit­ter Stelle und davor einem graz­iösen langsamen Satz gehörte schon damals in eine ver­gan­gene Zeit. Die sech­ste Sym­phonie g‑Moll ent­stand immer­hin 1854, als Liszt in Weimar bere­its seine „Sym­phonis­che Dich­tung“ kreiert hat­te. Nach Schu­manns Gat­tungs­beiträ­gen war ohne­hin eine „Krise der Sym­phonie“ aus­ge­brochen, die erst Bruck­n­er und Brahms wieder über­wan­den. Inmit­ten dieser Entwick­lung wirken Czernys Sym­phonien mit ihren brav gegliederten Sonaten­satz­for­men (Kopf­sätze) und unprob­lema­tis­chen Finali wie die Musik eines Weltabge­wandten, der von den Umstürzen seines Umfelds kaum Notiz nahm. Ein Drang zur Neudeu­tung der sym­phonis­chen Form ist bei ihm kaum zu spüren. Der bril­lanten Musik tut dies freilich keinen Abbruch, daher bildet diese Auf­nahme eine willkommene Pro­gramm-Erweiterung.
Immer­hin helfen solche Hörein­drücke, die Vielfalt der Zeit aufzudeck­en und die „Meis­ter­w­erke“ unseres Reper­toires als solche über­haupt erst zu erken­nen. Die im Juni 2004 (Sech­ste) und Feb­ru­ar 2005 (Zweite) erstell­ten Auf­nah­men klin­gen gut aus­bal­anciert und weiträu­mig.
Matthias Corvin