Schostakowitsch, Dmitri

Symphonies 1 & 6

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Dabringhaus und Grimm MDG 9371207-6
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 65

Die Gesamtein­spielung der Sin­fonien von Dmitri Schostakow­itsch mit dem Beethoven Orch­ester Bonn schre­it­et zügig voran. Roman Kof­man und sein in guter Ver­fas­sung sich präsen­tieren­des Orch­ester stellen dies­mal den sin­fonis­chen Erstling des rus­sis­chen Kom­pon­is­ten sein­er Sech­sten gegenüber. Dabei wird deut­lich, dass schon in der ersten Sin­fonie der Per­son­al­stil Schostakow­itschs in nuce angelegt ist. Dieser genialis­che Wurf, der als Abschluss des Kom­po­si­tion­sstudi­ums bei Max­i­m­il­ian Stein­berg im Jahr 1926 ent­stand, vere­inigt musikalis­chen Ein­fall­sre­ich­tum mit iro­nisch gebroch­en­er Form­be­herrschung, zugle­ich ist schon hier der Witz und der Sarkas­mus aus­geprägt, der im Werk des Kom­pon­is­ten eine so große Rolle spie­len sollte.
Kof­man ent­deckt in der h‑Moll-Sin­fonie aber auch schon den Tragik­er Schostakow­itsch, dem er mit seinem geschmei­dig agieren­den Orch­ester viel, fast schon zu viel Raum gibt. Die genaue Ausar­beitung von klan­glichen Details, die ger­adezu liebevoll von den unter­schiedlich­sten Per­spek­tiv­en beleuchtet wer­den, ist zwar dur­chaus pos­i­tiv zu sehen, doch wün­scht man sich beson­ders bei der Ersten gele­gentlich einen reak­tion­ss­chnelleren Zugriff, eine Ausar­beitung nicht nur der dynamis­chen, son­dern der emo­tionalen Kon­traste der Musik. Zwar kön­nen sich die solis­tis­chen Bläs­er, ange­fan­gen von den gedämpften Trompe­ten des Beginns, im besten Licht zeigen, doch wirken selb­st im Alle­gro-Molto-Finale die Aus­brüche der Musik immer im let­zten Augen­blick abge­fan­gen. Unter­stützt wird dieses diri­gen­tis­che Konzept von der Auf­nah­me­tech­nik von MDG. Die in der Heilig-Kreuz-Kirche aufgenomme­nen Sin­fonien klin­gen zwar immer durch­hör­bar und ansprechend trans­par­ent, der warme Raumk­lang und die vom fein­sten Pianis­si­mo aus­ge­hende dynamis­che Staffelung, die sehr überzeu­gend einge­fan­gen wurde, passen sehr gut zu Kof­mans objek­tivieren­der Sicht auf Schostakow­itsch. Das Wüst-Grelle wird aber immer wieder weich abgefed­ert, die Bru­tal­ität der Musik mehr angedeutet denn aus­ge­spielt. So ver­mei­det Kof­man zwar Plaka­tives, das der Musik gerne nach­sagt wird, bleibt ihr aber auch immer wieder wichtige Dimen­sio­nen schuldig.
Die sech­ste Sin­fonie von 1939 ist geprägt von Tragik, Res­ig­na­tion, Trauer, sich­er auch Angst. Kof­man und die klang­far­blich unge­mein dif­feren­ziert agieren­den Stre­ich­er des Beethoven Orch­esters Bonn bre­it­en das ein­lei­t­ende Largo ohne Lar­moy­anz und aufge­set­zte emo­tionale Drück­er aus. Ein objek­tivierend ange­gan­ge­nes Klang­panora­ma, auf das die schon etwas dis­tanziert wirk­enden schnelleren, grelleren Sätze fol­gen. Hier lässt Kof­man zu viel Zurück­hal­tung wal­ten, um zum Kern der Musik vorzus­toßen. Den­noch eine höchst acht­bare Leis­tung von Diri­gent und Orch­ester, die es aber infolge der immensen Konkur­renz von Kon­draschin bis Jan­sons let­ztlich schw­er haben dürfte.
Wal­ter Schneckenburger