Werke von Ludwig van Beethoven, Peter Tschaikowsky, Franz Schmidt und Rudi Stephan
Symphonien Nr. 7 A-Dur op. 92 und Nr. 9 d-Moll op. 125/Symphonien Nr. 5 e-Moll op. 64 und Nr. 6 h-Moll op. 74/Symphonie Nr. 4 C-Dur /Musik für Orchester
Berliner Philharmoniker, Ltg. Kirill Petrenko
Ihrem Ruf als brillantes Beethoven-Orchester werden die Berliner Philharmoniker gerecht. Die Konzertmitschnitte der Siebten und der Neunten Sinfonie führen den von Claudio Abbado begonnenen Weg fort, aber ohne dass Kirill Petrenkos Lesarten besonderes Eigenprofil gewännen. Die Konzertmitschnitte von 2017 und 2019 präsentieren die besonderen Qualitäten des Orchesters – aber auch seine interpretatorischen Grenzen. Wir haben große Transparenz, feinste Klangfarben in den einzelnen Orchestergruppen und perfekte Balance. Wir haben aber auch einen Mischklang, der in den letzten zwanzig Jahren etwa durch Experimente mit historischen Spieltechniken oder unerwartete Tempowahl nicht nachhaltig aufgebrochen wurde. Mithin keine Interpretationen für die Ewigkeit, vielmehr perfekte Konzertdokumente (ohne Beifall oder Publikumsgeräusche). Petrenkos Beethoven ist immer flüssig, stellenweise nervös-mahlerianisch; der Siebten mangelt es aber streckenweise an Innenspannung, die berüchtigten repetitiven Kadenzen werden nicht hinreichend gestalterisch ausgearbeitet, Steigerungen sind nicht immer konsequent zu Ende geführt. In der Neunten enttäuscht das Solistenquartett etwas durch mangelnde Homogenität, der Rundfunkchor Berlin begeistert durch seine herausragende Leistung – selbst im Pianissimo wortverständlich und klanglich präsent (Chordirektion Gijs Leenaars).
Die beiden Tschaikowsky-Sinfonien liegen Petrenko besser – der Detail- und Farbenreichtum seiner Interpretationen ist mit Wladimir Jurowski vergleichbar. Doch auch hier fehlt die existenzielle Seite, im Vergleich zu Markevitch, Mrawinsky oder auch Jurowski klingen die Berliner Mitschnitte vor allem kultiviert – im Finale der Sechsten eher sentimental als glaubwürdig emotional bewegt (eine Frage von Nuancen). Spektakulären Klang hat Karajan in den frühen 1970ern in Electrola-Quadrophonie schon geboten.
In Rudi Stephans Musik für Orchester (mitgeschnitten 2012) passt die Verbindung von Fin-de-siècle-Schwüle, perfekter Klangkultur und sorgfältigem Blick aufs Detail. Auch angesichts der überschaubaren Diskografie des Werks ein echter Gewinn (auch wenn die Referenzeinspielung unter Hans Zender nicht erreicht wird). Höhepunkt der Produktion ist aber Franz Schmidts vierte Sinfonie – hier gelten ähnliche Anforderungen an die Interpretation, und hier kann sich Petrenko neben die Referenzeinspielung unter Franz Welser-Möst behaupten, auch weil sein Orchesterklang 2018 ganz anders ist als der des London Philharmonic Orchestra 1994.
Jürgen Schaarwächter


