Henze, Hans Werner

Symphonie Nr. 7 / Sieben Boleros / Ouvertüre zu einem Theater / L’heure bleue

Gürzenich-Orchester Köln, Ltg. Markus Stenz

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 446
erschienen in: das Orchester 11/2016 , Seite 68

Anlässlich des 80. Geburt­stags von Hans Wern­er Hen­ze hat Markus Stenz ein glühen­des Beken­nt­nis abgelegt: Er hat Hen­zes Werk begeis­tert gerühmt und den bleiben­den Wun­sch artikuliert, „mich um seine Musik zu küm­mern, sie so schön oder aufwüh­lend wie möglich zum Klin­gen zu brin­gen“. Dabei hat­te er auch die Macht der 7. Sin­fonie und die „Blaue Stunde“ am Schluss der L’Upupa-Oper im Blick. Nun belegt diese faszinierende Auf­nahme mit dem sou­verän und über­wälti­gend musizieren­den Gürzenich-Orch­ester Köln erneut das Engage­ment und die Meis­ter­schaft des Hen­ze-ver­traut­en Diri­gen­ten, die Eige­narten und Facetten der Werke und den ästhetis­chen Eigensinn des Kom­pon­is­ten in aller Fülle und Attrak­tiv­ität darzustellen: Hen­ze als Sin­foniker, Musik­dra­matik­er, Musikpo­et; Hen­ze als poli­tis­ch­er Kom­pon­ist und Schön­heitssuch­er.
Mit der Siebten hat er 1983/84 nach 15 Jahren und erhe­blichen Zweifeln an der Tauglichkeit der Gat­tung für die Gegen­wart und in deut­lich­er Dis­tanz zum antibürg­er­lichen Kom­ponieren und zum Rev­o­lu­tions­fanal sein­er Cuban­is­chen Sin­fonie zur klas­sisch-roman­tis­chen Tra­di­tion zurück­ge­fun­den. Beethoven nimmt er zum Vor­bild (und kehrt ihn um); Dodeka­fonie nutzt er weit­er­hin; Hölder­lin wählt er als Sujet – und das kün­st­lerische Sub­jekt im Mahlstrom des Daseins wird zum The­ma. Hen­ze bringt auch sich ein – die schreck­lichen Zustände von Ver­lassen­heit, Rück­halt­losigkeit und Ver­damm­nis – und fasst zudem das größte Dunkel seines Zeital­ters ein­drucksvoll und bedrän­gend in Töne. Direkt: mit der see­len­losen Mechanik und der Volk­slied-Per­si­flage im 3. Satz, der jene Folterg­eräte vor­führt, die Hölder­lin in der Tübinger Ner­ven­klinik „heilen“ soll­ten; und im Finale mit der instru­men­tal­en Ver­to­nung des Gedichts Hälfte des Lebens, dessen Bilder von hold­en Schwä­nen und eisig klir­ren­den Fah­nen die schöne Elegie in auswe­glose Stille drän­gen. Ver­mit­telt: mit unab­lässigem Vari­ieren, san­ftem Sin­gen, rhyth­mis­chen Energien und wilden Aus­brüchen im ersten Satz und im zweit­en mit Musik von ein­er Düster­n­is, wie ich sie in diesem Maße noch nicht gekan­nt oder noch nicht schriftlich hat­te fes­thal­ten kön­nen.
Den deutschen Zustän­den, von denen Hen­zes Schlüs­sel­w­erk han­delt, stellt seine Ser­e­nade L’heure bleue (2001) die Atmo­sphäre und die raf­finierten Far­ben eines mediter­ra­nen Son­nenun­ter­gangs gegenüber, der die Welt wun­der­bar friedlich ver­wan­delt. Die Sieben Boleros für großes Orch­ester (1998) befreien die Musik aus ihrer dienen­den Opern-Rolle (Venus und Ado­nis) – als bril­lante, rhyth­misch effek­tvolle Charak­ter­stücke ver­mit­teln sie nun spanis­ches Kolorit und die Grußbotschaft an ein fernes, wun­der­sam schönes Land, von dem wir Aus­län­der so wenig wis­sen, dass wir andauernd davon träu­men. Hen­zes let­ztes Werk, die Ouvertüre zu einem The­ater für großes Orch­ester, ent­stand zur 100-Jahrfeier der Deutschen Oper Berlin. Dort hat­te sein Schaf­fen auch einen Anfang genom­men – und sieben Tage vor seinem Tod am 27. Okto­ber 2012 wurde das schwungvolle und klan­gre­iche Stück zum Abschieds­geschenk…
Eber­hard Kneipel