Gustav Mahler

Symphonie Nr. 6 in a-Moll

Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Mariss Jansons

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: BR Klassik
erschienen in: das Orchester 5/2026

Was ist ein Marsch? Militärmusik? Tanzmusik? Trauermusik? Oder lediglich das rhythmische Abbild von gleichmäßigem, unkriegerischem Gehen? Gustav Mahler, so wird berichtet, hätten Märsche schon in früher Kindheit fasziniert, als er sie als Zweijähriger auf dem Kasernenhof seines Geburtsortes Iglau (heute Jihlava) hörte und als Vierjähriger auf der Ziehharmonika nachspielte. Insofern muss es kein militärisch-martialischer Klang sein, wenn der erste Satz seiner sechsten Symphonie über wuchtigen Kontrabässen losmarschiert. Mariss Jansons und das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks nehmen bei der Aufzeichnung vom Mai 2011 in der Münchner Philharmonie im Gasteig das Marschieren eher als musikalisches denn als militaristisches Element. Zumal Mahler in dem seiner Frau Alma gewidmeten Seitenthema zarte Blumenwiesenklänge folgen lässt und Elemente wie ein triumphales Hochgefühl, liebliches Empfinden und Melancholie eine Viertelstunde lang als Gegensätze stehen lässt oder den Unterschied sorgfältig austrägt.
Mahler selbst und andere Dirigenten stellten gelegentlich den dritten Satz vor den zweiten. Jansons folgt der Partitur, lässt den zweiten an seiner Stelle und gestaltet ihn zunächst mit harten Kontrabässen und Celli, später auch mit den übrigen Streichern, Bläsern und Percussion als aufwühlendes Drama, das durch zurückhaltende Passagen durchbrochen wird und nie zu Gleichgewicht und Ruhe findet. Mit fein durchgestalteter Dynamik und wohlgerundeter Instrumentenbalance führt er in den dritten Satz. Und dann die Kuhglocken: Ihr Einsatz ist nicht als Effekt inszeniert, sondern als im Hintergrund bleibende Erinnerung an eine Naturidylle.
Harfe, Orchesterwucht, Pauken: Im vierten Satz untergräbt Jansons zunächst sämtliche romantischen Momente mit brillantem Gespür für Entwicklungen, Kontraste, Spannung, Steigerung, Höhepunkt und Unruhe. Die Kuhglockenidylle wirkt brüchiger als beim ersten Mal, wobei Jansons keinen Tornado über sie hereinbrechen lässt. Er bevorzugt eine bedrohliche Masse mit sorgfältig ausgestalteten Einzelstimmen und erzeugt durch den Kampf der Themenbruchstücke eine zwiespältige, tragische Grundstimmung. Da klinken sich selbst die Röhrenglocken nur wie aus der Ferne gehörte Kirchenglocken ein. Auch wenn das Orchester diesen kurzen Rückblick auf die Idylle triumphal zerstört, verkörpert es keine bösartige, amorphe Gewalt, sondern bleibt eine differenzierte Ansammlung einzelner Stimmen. So entsteht auch kein Bruch, wenn das Geschehen vor dem finalen Schlag fast nachdenklich wirkt. Wer will, kann Mahlers Sechste als Spiegel einer unruhigen Zeit oder gar als Vorahnung des Kriegs deuten, in dem Gewalt über die Idylle triumphiert. So weit geht Jansons nicht. Er interpretiert sie als Chronik ziviler Auseinandersetzungen.
Werner Stiefele

 

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