Werke von Peter Iljitsch Tschaikowsky und Serge Prokofjew
Symphonie Nr. 4/Romeo und Julia (Auszüge)
Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg. Sir Georg Solti
Zu München hatte der Dirigent Georg Solti einen engen Bezug, denn der gebürtige Ungar wirkte dort während der Nachkriegszeit als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. Ein gern gesehener Gast war er auch beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks. In diesem Konzertmitschnitt vom 10. Februar 1984 dirigierte der damals 71-Jährige den BR-Klangkörper im Herkulessaal der Münchner Residenz.
Auf dem Programm standen Auszüge aus Serge Prokofjews Ballett Romeo und Julia sowie Peter I. Tschaikowskys vierter Symphonie. Das Konzert wurde auch filmisch festgehalten und erschien noch im selben Jahr bei RM Arts auf Videokassette und Laserdisc. Für die nachträgliche Veröffentlichung dieses wichtigen Tondokuments auf CD sorgt jetzt BR Klassik.
Soltis Zugriff auf Prokofjew zeigt ihn als einen Dirigenten, der Vitalität und Kontrolle überzeugend miteinander verbindet. Die 14 ausgewählten Nummern der Ballettmusik formt er präzise aus. Die Akzente werden von ihm deutlich modelliert, aber nie übertrieben – die Tempi oft angezogen. In den lyrischen Passagen, wie etwa der Balkonszene, setzt Solti auf nie zu ausladende Phrasierung – was ihn von Dirigentenkollegen wie Herbert von Karajan oder Leonard Bernstein unterschied. Dennoch entstehen auch bei ihm emotionale Momente.
Gleichfalls gelingen dem Orchester unter seinen Händen plastische Charakterszenen wie im flötenhellen „Das Mädchen Julia“. Besonders in den dramatischen Momenten wirkt Soltis Verschmelzung von Disziplin und Intensität ungemein schlüssig.
Auch Tschaikowskys vierte Symphonie gewinnt durch seine sachlich-analytische Lesart. Das einleitende Schicksalsthema formt er plastisch aus – ohne effekthascherisches Pathos. Auch die Ritardandi werden nie zu sehr ausgewalzt. Gerade der zweite Satz profitiert von dieser gänzlich unsentimentalen Haltung und im berühmten Scherzo überzeugen nicht zuletzt die homogen erklingenden Pizzicati. Das furios gesteigerte Finale bündelt noch einmal Soltis Vorzüge als Orchesterleiter.
Denn er lässt das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks groß aufspielen, wobei der Klangkörper seinem Konzept mit beeindruckender Geschlossenheit folgt. Die Streicher spielen intensiv bis in die Kontrabässe, die Holzbläser eher linear als singend, die Blechbläser mit fülliger Wucht. Besonders hervorzuheben ist die Durchsichtigkeit, mit der die Partitur zum Klingen gebracht wird. Für einen Livemitschnitt ist das Publikum wenig zu hören – weder mit Hustern noch mit Applaus. Die Aufnahmequalität bringt den mit geringem Hall, aber viel Resonanz ausgestatteten Klang des Herkulessaals gut zur Geltung. Insgesamt eine Aufnahme, die auch heute noch überzeugen kann.
Matthias Corvin


