Bruckner, Anton

Symphonie Nr. 3 d‑Moll. “Wagner-Symphonie”, Erste Fassung von 1873

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Tudor 7133
erschienen in: das Orchester 12/2005 , Seite 74

Das Inter­esse an den Erst­fas­sun­gen von Bruck­n­ers Sin­fonien hat in der jün­geren Ver­gan­gen­heit sowohl im Konz­ert­saal als auch bei Ein­spielun­gen deut­lich zugenom­men. Nach ein­er dur­chaus gelun­genen Auf­nahme dieser Fas­sung von 1873 durch Kent Nagano und seinem Deutschen Sym­phonie-Orch­ester Berlin (Har­mo­nia mun­di HMC 901817) stellt sich nun Jonathan Nott, der Chefdiri­gent der Bam­berg­er Sym­phoniker, dieser Her­aus­forderung.
Nott hat seit seinem Amt­santritt im Jahr 2000 in Bam­berg das Niveau des Orch­esters, dessen inter­na­tionale Rep­u­ta­tion in den 90er Jahren etwas gelit­ten hat­te, nicht zulet­zt dank ein­er orig­inellen Pro­gram­mgestal­tung wieder gehoben. Die schlug sich auch pos­i­tiv auf die Auf­nah­meak­tiv­itäten der Bam­berg­er nieder. Die Serie der schu­bertschen Sin­fonien, denen eine CD beige­fügt wurde mit Werken mod­ern­er Kom­pon­is­ten, die sich mit dem Wiener Kom­pon­is­ten auseinan­der geset­zt haben (alle bei Tudor erschienen), zeigt ein entsch­iedenes Orch­ester­pro­fil eben­so wie die Hand­schrift von Nott. Diese ist auch bei der ersten Fas­sung von Bruck­n­ers drit­ter Sin­fonie zu erken­nen.
Die oft als „Bruck­n­ers Schmerzen­skind“ beze­ich­nete Kom­po­si­tion zeigt in den ver­schiede­nen Fas­sun­gen ein sehr unter­schiedlich­es Gesicht. Wobei die oft­mals zu lesende Mei­n­ung, in der Urfas­sung „wim­mele es von Wag­n­er-Zitat­en“, ein­er Über­prü­fung nicht stand­hält. Die erste Fas­sung von 1873 – weit­ere fol­gten 1878 sowie 1889 – ist die läng­ste Bruck­n­er-Sin­fonie über­haupt. Das Richard Wag­n­er gewid­mete Werk, dessen hier einge­spielte Erst­fas­sung zu Lebzeit­en des Kom­pon­is­ten nie erk­lang, zitiert zwar beispiel­sweise „Brünnhildes Schlaf“ aus dem drit­ten Akt der Walküre und enthält auch Anklänge an „Isol­des Liebestod“, doch sind diese Zitate so unauf­dringlich in die dichte Tex­tur der Sin­fonie einge­woben, dass sie nie pen­e­trant her­vorge­hoben erscheinen. So ste­hen sie auch bei der Lesart von Nott nicht unge­bührlich im Vorder­grund.
Nott ist ein Bruck­n­er-Diri­gent, der für ein klares Nachze­ich­nen von For­mver­läufen ste­ht. Die block­hafte, an Orgel­tech­niken erin­nernde Instru­men­ta­tion, wie sie in der Fas­sung von 1873 noch prä­gend ist, ist bei ihm und seinen sehr aufmerk­sam agieren­den Bam­berg­ern in besten Hän­den. Vielle­icht mag das Erre­ichen des ersten dynamis­chen Höhep­unk­ts im Kopf­satz manchem Hör­er noch zu früh erscheinen, ins­ge­samt aber gelingt Nott eine Inter­pre­ta­tion von überzeu­gen­der Dichte und hohem Span­nungs­ge­halt. Die dunkel tim­bri­erten Stre­ich­er, das machtvolle, bei aller Direk­theit aber nie grob oder ver­waschen klin­gende Blech des Orch­esters sind die Grund­lage ein­er span­nungsre­ichen Sicht auf Bruck­n­ers „Wag­n­er-Sin­fonie“. Dazu trägt auch die gute Auf­nah­me­tech­nik bei, die für ein Orch­esterk­lang­bild von hoher Klarheit ste­ht. In den Eck­sätzen neigt der englis­che Diri­gent im Ver­gle­ich zu Nagano zu schnelleren, etwas mehr vorantreiben­den Tem­pi, während es ihm auch dank der hochk­las­sig-flex­i­blen Orch­ester­leis­tung in den Bin­nen­sätzen gelingt, der lyrischen Ges­pan­ntheit der faszinieren­den Kom­po­si­tion zu ihrem Recht zu ver­helfen. Ein bemerkenswertes Plä­doy­er für die erste Fas­sung eines Meis­ter­w­erks, die zu lang im Schat­ten der bei­den pop­ulär­er gewor­de­nen Fas­sun­gen von 1878 und 1889 stand.
Wal­ter Schneckenburger