Mahler, Gustav

Symphonie Nr. 10

Rekonstruktion und Orchestrierung nach Mahlers Entwurf von Rudolf Barshai, Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2000
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 79

Wer ein­mal Gele­gen­heit hat­te, ein auto­grafes Manuskript oder wenig­stens ein Fak­sim­i­le von Gus­tav Mahlers Hand­schrift in Hän­den zu hal­ten, weiß, welche schwierige und kaum zu bewälti­gende Auf­gabe den­jeni­gen erwartet, aus ein­er schi­er unüber­sichtlichen Gemen­ge­lage aus Noten, Zeichen und Anweisun­gen so etwas wie eine Sym­phonie zu erstellen. Wenn darüber hin­aus diese Sym­phonie lediglich aus Par­ti­cel­len­twür­fen, fast unle­ser­lichen Skizzen, zahlre­ichen Stre­ichun­gen sowie aus Ein­fü­gun­gen beste­ht, welche in diesem Sta­di­um nicht frei von Fehlern sind, dann ist vor solch einem Rekon­struk­teur ehrfurchtsvoll der Hut zu ziehen.
Inzwis­chen liegen von der 10. Sym­phonie Mahlers, neben den zahlre­ichen Bear­beitun­gen des berühmten „Ada­gio“, ins­ge­samt sechs veröf­fentlichte Gesamtver­sio­nen vor, wovon die vor­liegende von Rudolf Bar­shai nicht ein­mal die jüng­ste ist. Der 1924 geborene rus­sis­che Diri­gent und Bratschist hat­te sich als Bear­beit­er von ver­schiede­nen Werken bere­its einen Namen gemacht. Sein Kom­po­si­tion­slehrer Dmitri Schostakow­itsch soll ihn schon in den 50er Jahren auf den mahler­schen Tor­so hingewiesen haben und der Gedanke, die 10. Sym­phonie irgend­wann zu einem eigen­ständi­gen Leben zu erweck­en, ließ Bar­shai nicht mehr los.
Seine Absicht war, im Gegen­satz zur cookschen Bear­beitung, welche für ihn eine „unschätzbare Pio­nier­ar­beit“ leis­tete und die er wesentlich als Vor­lage benutzte, „den vollen Klang des Mahlerorch­esters“ zu entwick­eln. Dabei stützte er sich auf seine langjährige Erfahrung als Diri­gent und ver­ließ sich auf sein „per­sön­lich­es Gespür, ob etwas zu Mahler passt“. Außer­dem wollte Bar­shai, so weit­er im Vor­wort von Bernd Feucht­ner, „Mahlers Manuskript möglichst nahe kom­men. Die Haup­tar­beit lag daher in der Lösung umstrit­ten­er Stellen, sei es dass die Beze­ich­nun­gen unklar sind oder außergewöhn­liche har­monis­che Kon­stel­la­tio­nen zeit­i­gen. Harte Dis­so­nanzen wur­den von den bish­eri­gen Bear­beit­ern meist aufgewe­icht, statt der Frage auf den Grund zu gehen, ob es sich um einen Lese­fehler, einen Irrtum Mahlers oder einen tief­er­en Zweck in der Gesamt­form han­delt – schließlich war Mahler in seinen let­zten Werken bis in die Nähe der Zwölfton­musik gelangt.“ Solche Fra­gen und andere kaum zu lösende Prob­leme seien „keine philol­o­gis­che Tüftelei, son­dern Fra­gen des Inhalts. Der Schluss der Sym­phonie darf keineswegs bit­ter­süß erscheinen – er chang­iert zwis­chen Bit­terkeit und Ruhe. Der Zweifel ver­lässt Mahler nicht, und deshalb muss es an eini­gen Stellen wehtun.“
Blickt man jedoch auf das große Instru­men­tar­i­um, fällt das über­große Schlag­w­erk mit 18 Perkus­sion­sin­stru­menten auf, ins­beson­dere die dop­pelt beset­zten Xylo­fone. Marim­ba­fon, Cro­tales, Gong, Kastag­netten und Holzblock ver­wen­dete Mahler in seinem Instru­men­tar­i­um nie, Cro­tales und Holzblock waren zu Lebzeit­en Mahlers noch nicht ein­mal bekan­nt. Ob hier die unmit­tel­bare Nähe und der Ein­fluss Schostakow­itschs nicht doch zu sehr durch­scheinen? Auch das Blech, ver­stärkt durch die bei­den Kon­tra­bass-Tuben, sechs Hörn­er und Tenorhorn, ist etwas zu sehr aufge­bläht, als dass es typ­isch für Mahler wäre. Fehl am Platz ist auch das Kor­nett in Es – ver­mut­lich als Pis­ton-Ersatz, ein Instru­ment, das vor­wiegend in der Mil­itär­musik gebräuch­lich war: Aber auch das gibt es bei Mahler nicht. Zudem bleibt in der Par­ti­tur ein Geheim­nis, was noch Mahler und was schon Bar­shai ist.
Davon abge­se­hen, dass die Par­ti­tur unter dem DIN-A4-For­mat, das manch­mal über 30 Sys­teme aufnehmen muss, etwas klein ger­at­en ist, bleiben lei­der viele Fra­gen offen, die hier nicht erörtert wer­den kön­nen. Wer sich für die anderen fünf Gesamtver­sio­nen oder für die Skizzen der 10. Sym­phonie inter­essiert, sei an das im Jahr 2003 erschienene Buch Gus­tav Mahlers Zehnte Sym­phonie von Jörg Rothkamm ver­wiesen.
Den­noch bin ich der Überzeu­gung, dass Rudolf Bar­shai als erfahren­er Bear­beit­er, hoch geachteter Diri­gent und pro­fun­der Mahler-Ken­ner alles richtig gemacht hat: Mahler wäre mit dieser Bear­beitung in Teilen sicher­lich hochzufrieden gewe­sen.
Wern­er Bodendorff