Erkki-Sven Tüür

Symphonie Nr. 10 „Æris“ für Hornquartett und Orchester/ „Phantasma“ für Orchester/„De profundis“ für Orchester

German Hornsound: Christoph Eß, Marc Gruber, Stephan Schottstädt, Timo Steininger (French Horn), Estonian National Symphony Orchestra, Ltg. Olari Elts

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: ECM New Series
erschienen in: das Orchester 2/2026 , Seite 74

Der Erdenmensch wird gemäß der Bibel-Genesis lebendig, indem Gott seinen Odem in dessen Korpus bläst. Und zugleich wird dieser Atem zur Seele. Analog ist Æris der Symphonie Nr. 10 des estnischen Komponisten Erkki-Sven Tüür nicht einfach Luft, sondern auch vitaler Atem, nämlich für ein Hornquartett, das als Protagonist, ideal besetzt mit dem German Hornsound, die Dramaturgie dieses Werks maßgeblich konfiguriert. In gewisser Hinsicht, wie die Musikologin Kerri Kotta mitteilt, wird eine klangästhetische Imagination menschlicher Genesis in vier nicht unterbrochenen Stadien klassischer Satztypen dargestellt: Schwebende Vertikale mit Holzblasinstrumenten sind kontrastiert zu aufstrebenden Horn-Glissandi und massiven Marschelementen (senza moto), die mit unzufriedenem Homo agens assoziiert werden können. Eine pointillistische Episode führt zu Homo meditans, dessen Kontemplation von schmetternden Hornsignalen und Trompetenechos gestört wird und die agile Stimmung des Homo ludens (Scherzo) einleitet. Ein elegisches Hornmotiv löst dichte Brass-Hindernisse auf und bringt Homo communis zum hymnischen Finale. Allerdings nicht als Erlösung, vielmehr als „transzendentes Narrativ“.
Trotz dieser sperrigen und manchmal gleißenden und trotzigen Sounds ist diese von Olari Elts empathisch dirigierte Symphonie ein organisches Kontinuum, das Kreation und Evolution zum widerspenstigen Einklang bringt. Ihm gewidmet ist De profundis, ein Abgrund, in den das Gehör per Streicher-Bassregister geleitet wird. Doch fast parallel zieht eine freundliche Englischhorn-Melodie am anderen Ende der Verzweiflung, verbündet sich mit weiteren Instrumenten und wehrt sich vehement gegen drohende Agonie. Mit Erfolg, denn das Kollektiv ist stärker als die einzige Abwärtskraft.
Antagonistische Kräfte bestimmen die Phantasma, eine Reverenz zur Coriolan-Ouvertüre von Beethoven. Paukenschläge und dunkle Akkorde eröffnen die Szene, arrangiert wie in der Rockmusik. Doch statisch mit wechselnden Fill-ins, die als Glissandi sich in mikrotonalen Bereichen bewegen. Ein mobiler Streichermodus fächert die stabile Struktur auf und steigert sich dramatisch; eine Spannung, die abflaut und sich in kurzer Stretta von Reminiszenzen befreit. Der Coriolan-Selbstmord ist für Erkki-Sven Tüür offenbar keine Option. Sein Credo ist: „Musik muss alles haben: überwältigende Kraft, erhellendes Licht, unendliche Sanftheit und tiefste Dunkelheit. Wut, Schmerz, Gewissensbisse. Alles, was Menschen zu Menschen macht.“ Letztgenannte ist allerdings nur universal wirksam, wenn man nicht destruktiv ist, sondern auch sich selbst uneigennützig lieben kann. Dessen ist sich Erkki-Sven Tüür wohl bewusst, wie diese eindrucksvollen Orchesterwerke bestätigen.
Hans-Dieter Grünefeld

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