Gál, Hans / Johannes Brahms

Suite op. 6/Zwei Schottische Rhapsodien / Sonate D‑Dur op. 78 “Regenlied-Sonate”

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Cavalli CCD 281
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 94

Als Kom­pon­ist war der 1890 in Öster­re­ich geborene Hans Gál in prak­tisch allen Gat­tun­gen zu Hause. Zwei Beispiele für seine Kam­mer­musik bietet die jet­zt bei Cav­al­li erschienene Ein­spielung von Kom­po­si­tio­nen für Vio­lon­cel­lo und Klavier durch Rebec­ca Rust und Fred­er­ick Blum. Dabei ist mit der Suite op. 6 für Vio­lon­cel­lo und Klavier von 1919 ein rel­a­tiv früh­es, mit den Zwei Schot­tis­chen Rhap­so­di­en von 1960 ein eher spätes und hier sog­ar erst­mals einge­spieltes Werk Gáls auf der CD vertreten.
Die Kün­stler Rust und Blum zeich­nen sich durch ihr exak­tes und dif­feren­ziertes Zusam­men­spiel aus. Dies zeigt sich bere­its im Präludi­um der Suite, das vom Cel­lo mit weit aus­greifend­en, fast kla­gen­den Gesten begonnen wird, während das Klavier diese nur mit san­ften Akko­r­den unter­stre­icht. Erst im weit­eren Ver­lauf tritt es stärk­er her­vor und gestal­tet dann gemein­sam mit dem Cel­lo einen ersten Höhep­unkt, bevor ein lebendi­ger Mit­tel­teil ein­set­zt, der wieder in den Anfang über­leit­et. Eben­so aus­ge­feilt präsen­tieren die Musik­er auch die fol­gen­den Sätze: die leb­haft phrasierte Burleske, die Aria, in der sich das Cel­lo mit ein­er wun­der­baren Kan­ti­lene über einem inter­es­san­ten Klavier-Rhyth­mus ent­fal­ten darf, und schließlich das Capric­cio, ein Sonaten­ron­do, dessen ein­mal leb­hafte, dann wieder getra­gene Teile die Kün­stler klar voneinan­der abset­zen. Schade nur, dass das Spiel der Cel­listin die eine oder andere Unrein­heit aufweist.
Als Musik­wis­senschaftler ist Hans Gál wohl vor allem für seine Mitar­beit an der Brahms-Gesam­taus­gabe bekan­nt. Fol­gerichtig befind­et sich auf der CD auch ein Werk Brahms’, näm­lich die – ursprünglich für Vio­line und Klavier kom­ponierte – Regen­lied-Sonate in D‑Dur op. 78. Dabei sticht beson­ders die Umset­zung des ersten Satzes Vivace ma non trop­po, mit seinem wun­der­schö­nen und charak­ter­is­tis­chen ersten The­ma pos­i­tiv her­vor, da die Inter­pre­ten es hier in beson­der­er Weise ver­ste­hen, ihre Parts har­monisch miteinan­der ver­schmelzen zu lassen.
Gáls Schot­tis­che Rhap­so­di­en ent­standen in Edin­burgh, wohin er während des Nazi-Regimes auf­grund sein­er jüdis­chen Herkun­ft emi­gri­eren musste. Mit Anklän­gen an schot­tis­che Folk­lore sollte man bei diesen bei­den Sätzen allerd­ings nicht rech­nen. Sie enthal­ten Par­al­le­len zum früheren Werk, etwa die stets klar erkennbaren Form­schema­ta oder die häu­fig über­raschen­den har­monis­chen Wen­dun­gen, die das Ohr angenehm kitzeln. Was der Kom­pon­ist gegenüber der Suite von 1919 jedoch noch inten­siviert zu haben scheint, sind die emo­tionalen Charak­tere der Stücke: Da reicht die Skala vom sehn­süchti­gen und dabei aufgeregten Eröff­nungs­gedanken des „Con ani­ma“ über dessen getra­ge­nen Mit­tel­teil bis hin zum richtigge­hend wild-aggres­siv­en Schluss des „Molto mod­er­a­to“.
Inter­es­sant vielle­icht noch der Hin­weis auf den für die Auf­nahme ver­wen­de­ten Flügel: Mit einem Gro­tri­an-Stein­weg von 1914 soll näm­lich, wie das Book­let informiert, „dem Klang­bild des frühen 20. Jahrhun­derts“ entsprochen wer­den.
Julia Hartel