String Trios by Beethoven & Herzogenberg

Live at Peaceful Bend Vineyard Festival, Missouri

Rubrik: CDs
Verlag/Label: sophia classics SC 17071
erschienen in: das Orchester 01/2008 , Seite 63

Das Berlin­er Jacques Thibaud-Stre­ichtrio mit Burkhard Maiss (Vio­line), Philip Dou­vi­er (Vio­la) und Bog­dan Jianu (Cel­lo) ist bekan­nt für seine Aus­flüge ins Rar­itäten-Kabi­nett der Kam­mer­musik­lit­er­atur. Das trifft auch für seine zweite CD-Ein­spielung für das Fes­ti­val Peace­ful Bend Vine­yard zu: Die Vis­itenkarte ist gefüllt mit Begrif­f­en wie kom­pe­tent, glühend, lei­den­schaftlich und ambi­tion­iert.
Das Beson­dere dieser Auf­nahme: Hein­rich von Her­zo­gen­bergs A‑Dur-Kom­po­si­tion. Her­zo­gen­berg (1843–1900) war ein exzel­len­ter Bach-Ken­ner, grün­dete in Leipzig den Bach-Vere­in. Studiert hat­te er in Wien. Die öster­re­ichis­che Metro­pole und die Bach-Stadt besaßen für die Biografie und für die musikalis­che Entwick­lung des Musik­ers vor allem eine Schnittstelle: Johannes Brahms. Während von Her­zo­gen­berg den bedeu­ten­den Zeitgenossen verehrte, blieb Brahms eher zurück­hal­tend in sein­er Förderung. Aber das hier vorgestellte Stre­ichtrio op. 27/1 von 1877 schätzte er. Warum, das erk­lärt sich schnell. Denn von Her­zo­gen­bergs Werk durchzieht tiefer roman­tis­ch­er Geist. Es lebt von dial­o­gis­ch­er Span­nung, von melodis­ch­er Opu­lenz, von Ensem­bledichte und handw­erk­lich-prak­tis­ch­er Güte. Von Her­zo­gen­berg fühlt sich in den brahmss­chen Kos­mos unprob­lema­tisch ein. Dass ger­ade die bei­den Werke op. 27 die Nähe zu Brahms niemals leug­nen, wird ihnen nicht neg­a­tiv angerech­net. Denn immer­hin hat die Musikrezep­tion den Wert von Her­zo­gen­bergs erkan­nt. Ob nun Epigone (im Sinne Brahms) oder nicht: Das vier­sätzige Trio wartet mit zwar kon­ser­v­a­tiv­er Hal­tung, aber ungewöhn­lich schö­nen Far­ben auf. Für das Thibaud-Ensem­ble eine Fund­grube für delikate und sat­te Klänge.
Beethovens sech­steiliges op. 3 huldigt zwar noch mozartschem Duk­tus, doch es weist schon in eine neue, klas­sis­che, gewis­ser­weise in eine pro­gram­ma­tis­che Rich­tung. Denn in den dynamis­chen oder kon­tra­punk­tis­chen Details über­raschte es damals. Das Pub­likum dürfte vielle­icht sog­ar schock­iert gewe­sen sein über die kämpferische Anlage. Das Werk ent­stand um 1795 als Gran Trio – mit Ver­weisen auf Mozarts Diver­ti­men­to KV 563. Aber Beethoven, hier noch der ganz junge, aber dur­chaus schon „fer­tige“ Kom­pon­ist, hebt sich ab von ein­er rück­wärts­ge­wandten Ein­bindung. Das Thibaud-Stre­ichtrio wartet auch bei dieser Inter­pre­ta­tion mit klan­glich­er Ele­ganz und forschem Dri­ve auf. Das Stück wirkt so erstaunlich mod­ern.
Als kleine Zugabe auf der CD erklingt abschließend Franz Schu­berts Sonate D 384 (Andante) – arrang­iert von Philip Dou­vi­er. Auch hier ver­ste­hen sich die drei jun­gen Musik­er, die erst­mals 1994 gemein­sam auf­trat­en, blind. Musik zwis­chen Beethoven und Brahms – diese kam­mer­musikalis­che Trio-Lücke wird aus­geze­ich­net gefüllt.
Jörg Loskill