Thoma, Xaver Paul

Streichsextett op. 130

Partitur

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Ikuro Edition, Asperg 2006
erschienen in: das Orchester 05/2007 , Seite 78

Es mag in heutiger Zeit anachro­nis­tisch wirken, sich als Opuskom­pon­ist zu begreifen, gibt es doch für Kom­pon­is­ten nach Bernd Alois Zim­mer­mann keine Verpflich­tung mehr, einen Stil zu wahren, insistieren viele Kom­pon­is­ten darauf, het­ero­gen zu schreiben, bezo­gen auf den jew­eili­gen Anlass, ob nun für Bühne, Konz­ert oder Päd­a­gogik. Eine ein­heitliche Opus­liste entste­ht so nicht, und nicht erst Hanns Eisler gab das Durchzählen sein­er Stücke auf. Gle­ich­wohl ist in unser­er post­mod­er­nen Plu­ral­ität dies auch oppor­tun.
Xaver Paul Thoma, Jahrgang 1953, auch als Bratsch­er und Musikpäd­a­goge tätig, hat über 150 Kom­po­si­tio­nen für über­lieferte Beset­zun­gen geschrieben, hier legt er ein Stre­ich­sex­tett vor. In einem knap­pen Vor­wort ver­weist er auf Zusam­men­hänge zwis­chen seinen Werken, for­muliert die dur­chaus roman­tis­che Idee, let­ztlich nur ein einziges Stück zu schreiben in unter­schiedlichen Aus­prä­gun­gen.
Dieses Stre­ich­sex­tett enthält vier Sätze. In ein­er „Intro­duk­tion“ wird ein auf­steigen­des Motiv entwick­elt, vari­iert durch die Stim­men geführt, auch gespiegelt und unter­brochen. In den Zusam­men­klän­gen sucht Thoma oft Kom­ple­men­tärtöne, aber auch Quar­ten sowie mit Dis­so­nanzen verse­hene tra­di­tionelle Klänge treten auf. Das „Scher­zo tene­broso“ gibt sich mit chro­ma­tis­chen Ton­leit­er­auss­chnit­ten sowie par­al­le­len Quin­ten und Oktaven archaisch und wild, um am Ende zu verdäm­mern. Im drit­ten Satz, einem „Ada­gio“, erscheinen sehr het­ero­gene Mate­ri­alien, die zum Teil Früheres aufnehmen. Das Finale „Enig­ma“ startet in freiem Tem­po mit Vierteltö­nen, später set­zt sich ein an Schostakow­itsch erin­nern­des Stac­ca­to-Motiv durch, das auch kon­tra­punk­tisch durchge­führt wird.
Thomas Sex­tett ist nur von pro­fes­sionellen Musik­ern real­isier­bar. In seinem Ges­tus gemah­nt es an den Expres­sion­is­mus, die Melodik neigt zu großen Inter­vallen, in der Dynamik wer­den oft die Extreme gesucht. Klang­ef­fek­te wie Spiel am oder hin­ter dem Steg, col leg­no bat­tuto, Tremoli, Arpeg­gien, Triller, Bartók-Pizzi­ca­to u.a. sor­gen für Abwech­slung. Der Ton­satz ist recht dicht, es gibt wenig Pausen. Die Koor­di­na­tion im Zusam­men­spiel stellt, ins­beson­dere im ersten und drit­ten Satz, bed­ingt durch häu­fige Wech­sel der rhyth­mis­chen Gestal­ten sowie der Tak­tarten eine Her­aus­forderung dar. In der For­mge­bung ist Thoma oft klein­teilig und assozia­tiv, inner­halb der Sätze tauchen immer wieder Rem­i­niszen­zen auf, vor allem in der Melodik und der Set­zweise. Diese Kom­po­si­tion, klan­glich oft recht herb, erzielt bei ein­er guten Auf­führung sich­er einen inten­siv­en Ein­druck beim Pub­likum.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau