Haydn, Joseph

Streichquartette Heft VI: Quartett op. 42 und Preußische Quartette op. 50 / Streichquartette Heft VII: Tost-Quartette op. 54 und 55

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Henle, München 2009
erschienen in: das Orchester 12/2009 , Seite 65

Rechtzeit­ig zum Haydn-Jahr erschien im Münch­n­er Hen­le Ver­lag die Gesam­taus­gabe der Stre­ichquar­tette op. 42, 50, 54 und 55, zu denen die Preußis­chen Quar­tette und Tost-Quar­tette zählen. Haydn kon­nte sich in dieser Zeit aus den stren­gen Verpflich­tun­gen am Hof von Ester­háza befreien. Die Möglichkeit ohne Zwänge sein­er Kun­st hingegeben zu kom­ponieren, spiegelt sich in diesen außergewöhn­lichen Werken wider.
Auf gewohnt hohem Niveau legt der Hen­le Ver­lag eine Aus­gabe dieser Werke vor, die sowohl für den prak­tis­chen Gebrauch bestens ein­gerichtet ist als auch wis­senschaftlichen Ansprüchen genügt. Das Druck­bild ist großzügig. Es wird nicht ges­part. Der Noten­text ist sehr gut les­bar. Durch die Größe und die Abstände zwis­chen den Noten erhal­ten jede Einzel­note und jedes Motiv ihr Gewicht, was ganz der kom­pos­i­torischen Anlage entspricht. Sehr wohl über­legt wird jedes den Spielfluss unter­brechende Umblät­tern ver­mieden, teils durch unbedruck­te Leer­seit­en, teils auch dadurch, dass aufk­lapp­bare Seit­en einge­fügt wur­den, sodass der Spiel­er über drei Seit­en lang ohne Unter­brechung spie­len kann. Das ist ins­beson­dere für die Konz­ert­si­t­u­a­tion ein unschätzbar­er Gewinn.
Die Henle’sche Konzep­tion von Urtex­taus­gaben bewährt sich auch bei Haydns Stre­ichquar­tet­ten. Bei ihnen kommt es auf eine sprechende und sin­nvolle Artiku­la­tion an. Der Noten­text dieser Aus­gaben gibt den Spiel­ern ein fundiertes Werkzeug in die Hand. Was Haydn unbe­d­ingt beachtet wis­sen wollte, zeigt der Noten­text mit Strichangaben und dynamis­chen Zeichen an, doch er verdeut­licht eben­so, welche Frei­heit­en Haydn dem Spiel­er ließ, da auf die inter­pretieren­den Zeichen eines Her­aus­ge­bers verzichtet wurde. Dies ermöglicht einen eigen­ständi­gen, neuen und frischen Zugang zu Haydns Stre­ichquar­tet­ten.
Der Her­aus­ge­ber James Web­ster gibt in seinen Vor­worten und im aus­führlichen Anmerkungsverze­ich­nis in deutsch­er und englis­ch­er Sprache wertvolle Infor­ma­tion über die Auto­grafe und Erst­drucke und über edi­torische Fra­gen. Dabei wer­den auch die Unter­schiede zu beste­hen­den Aus­gaben aufgezeigt, die zumeist auf­grund der Her­anziehung später­er Aus­gaben bzw. ein­er anderen Ausle­gung der Quellen ent­standen.
Der Inter­pret von Haydns Stre­ichquar­tet­ten erhält so alle grundle­gen­den Infor­ma­tio­nen, die ihm diese zen­tralen Kom­po­si­tio­nen der Quar­tett-Geschichte erschließen helfen. Ein Wun­sch bleibt freilich offen: Es wäre gut, wenn ein­er solchen Gesam­taus­gabe auch eine Par­ti­tur beigegeben würde. Man kön­nte sich so einen besseren Überblick über Fra­gen des Zusam­men­spiels ver­schaf­fen, ohne zusät­zlich ins Notengeschäft oder die Bib­lio­thek gehen zu müssen. Doch eine wichtige, nüt­zliche und Haydns Werk dienende Edi­tion sind diese Henle’schen Quar­tett-Aus­gaben alle­mal.
Franzpeter Messmer