Bartók, Béla / Paul Hindemith

Streichquartett Nr. 5 / Streichquartett Nr. 4 op. 22

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ECM New Series 1874
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 88

Vor eini­gen Jahren legte das Zehet­mair Quar­tett eine ful­mi­nante Ein­spielung von Béla Bartóks viertem Stre­ichquar­tett vor, gekop­pelt mit Karl Amadeus Hart­manns „Carillon“-Quartett (ECM 1727). Nun fol­gt also Bartóks Quar­tett Nr. 5. Die Beset­zung des Ensem­bles hat sei­ther gewech­selt; von der ursprünglichen For­ma­tion sind der Namensge­ber Thomas Zehet­mair als Primgeiger sowie die Bratschistin Ruth Kil­ius übrig geblieben, neu hinzugekom­men sind die Geigerin Kuba Jakow­icz und Ursu­la Smith am Vio­lon­cel­lo. An der faszinieren­den Spielkul­tur des Quar­tetts hat sich allerd­ings nichts geän­dert. In den Proben und im Konz­ert spie­len die vier Musik­er auswendig, was nach Zehet­mairs Worten in ein­er größeren Frei­heit resul­tiert.
Eine Kom­bi­na­tion von aus­gek­lügel­ter Klan­glichkeit und beina­he impro­visatorisch­er Frei­heit ist es auch, die ihre Bartók-Inter­pre­ta­tion ausze­ich­net: Die schrof­fen Zus­pitzun­gen der Eck­sätze und die bul­gar­ischen Rhyth­men des zen­tralen Scher­zos sind mit leichter Hand real­isiert, weniger den bei Bartók allzu oft als alleiniges Stilmerk­mal her­vorge­hobe­nen „barbaro“-Charakter suchend als vielmehr eine feinsin­nige expres­sive Vielschichtigkeit und, nicht zulet­zt, auch den gal­li­gen Humor, wie er sich kurz vor den let­zten Tak­ten des Finales kund­tut.
Außeror­dentlich­es voll­bringt das Zehet­mair Quar­tett in den bei­den langsamen Sätzen zwei und vier, in denen das beina­he ton­lose Wis­pern und Flüstern dieser eben­so sen­si­blen wie sin­istren Nacht­musiken so atem­ber­aubend real­isiert ist wie son­st nur sehr sel­ten. Über­haupt kann die Vielzahl der klan­glichen Nuan­cen, die von den Musik­ern in diesem Werk ange­wandt wer­den, nur staunenswert genan­nt wer­den – bis zu dem Punkt, wo man sich fragt, ob es denn hier keine einzige „nor­mal“ gespielte Note gibt. Wer einen war­men, expres­siv­en Quar­tett-Klang wün­scht, wird hier vielle­icht nicht auf seine Kosten kom­men – dafür aber viel im besten Sinne Uner­hörtes ent­deck­en.
Dies gilt auch für das zweite Werk auf dieser CD, Hin­demiths Stre­ichquar­tett op. 22 – lange Zeit als sein drittes bekan­nt, nun, da das ursprünglich unveröf­fentlichte Quar­tett op. 2 wieder zugänglich ist, als Num­mer vier gezählt. Angesichts der elek­trisieren­den Inter­pre­ta­tion durch das Zehet­mair Quar­tett fragt man sich wirk­lich, warum dieses Opus – genau wie die übri­gen sechs Quar­tette des Kom­pon­is­ten – heute kaum noch bekan­nt sind. Aber Hin­demith spielt sich eben nicht „von selb­st“: Diese Musik fordert, um unmit­tel­bar zum Hör­er zu sprechen, den ganz großen Inter­pre­ten, der sich, ein­mal abge­se­hen von der tech­nisch per­fek­ten Beherrschung des Noten­texts, ohne Wenn und Aber zu ihr beken­nt. Dieser Glücks­fall ist hier einge­treten: Hin­demiths Quar­tett ste­ht in dieser Ein­spielung nicht nur als Schöp­fung eines beg­nade­ten Kon­tra­punk­tik­ers vor uns, son­dern vor allem als lebendi­ge, pack­ende und tief emp­fun­dene Aus­drucksmusik.
Thomas Schulz