Hesse, Adolph Friedrich

Streichquartett

Nr. 1 op. 23, Partitur/Stimmenset

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Dohr, Köln 2013
erschienen in: das Orchester 10/2013 , Seite 68

Adolph Friedrich Hesse (1809–1863) war im Haupt­beruf ein Organ­ist, der sein Leben lang in Bres­lau an St. Bern­hardin wirk­te, dort aber auch Sin­foniekonz­erte leit­ete und neben Orgel­musik immer­hin auch sechs Sin­fonien, das Ora­to­ri­um Tobias sowie Kam­mer­musik kom­ponierte, Werke, die mit­tler­weile freilich so gut wie vergessen sind. Fre­und­schaftliche Beziehun­gen kon­nte er zum 25 Jahre älteren Louis Spohr knüpfen. Und als Orgelvir­tu­ose erzielte Hesse auch in deutschen Musikzen­tren, in Eng­land und Frankre­ich mit Werken Bachs sowie eige­nen Kom­po­si­tio­nen große Erfolge. Nach Chris­t­ian Vital­is, der zur vor­liegen­den Edi­tion ein knappes, aber völ­lig aus­re­ichend informieren­des Vor­wort beis­teuerte, soll Hesse durch seine Konz­erte das wach­sende Inter­esse an Bach in Frankre­ich stim­uliert haben.
Das 1. Stre­ichquar­tett op. 23 in d‑Moll, das er der Bres­lauer Kün­st­lerge­sellschaft wid­mete, weist Hesse als einen rou­tinierten Kom­pon­is­ten aus, der har­monisch-tonal gän­zlich tra­di­tionell eingestellt war. Und Ein­flüsse sein­er Tätigkeit als Organ­ist machen sich vor allem in der flächig-gliedern­den, eher reg­is­ter­haften Gestal­tung der Dynamik – im ganzen Werk gibt es nur jew­eils eine einzige Crescen­do- und Decrescen­do­ga­bel – sowie in der (keines­falls über­triebe­nen) kon­tra­punk­tis­chen, also weniger the­ma­tisch- motivis­chen Durchgestal­tung des Ton­satzes mit imi­ta­torischen Stimm­führun­gen oder Fugati (let­zter Satz) bemerk­bar. Aber in der For­mdis­po­si­tion der kon­ven­tionellen Folge der vier Sätze des Werks und der the­ma­tisch-zyk­lis­chen Gestal­tung erweist er sich als dur­chaus „mod­ern“ gestal­tender Kom­pon­ist. Der erste Satz mit sein­er Sonaten­form stellt etwa in der Reprise die The­men­grup­pen der Expo­si­tion um, sodass sie mit dem Seit­en­the­ma ein­set­zt. Zudem ist das Seit­en­the­ma unverkennbar motivischin­ter­val­lisch aus dem Haupt­the­ma abgeleit­et, und das The­ma des fol­gen­den langsamen Vari­a­tio­nen­satzes repräsen­tiert eine weit­ere Vari­ante des Haupt­the­mas des ersten Satzes.
Mit der kon­tra­punk­tis­chen Durchgestal­tung des Ton­satzes und den eher min­deren spiel­tech­nis­chen Ansprüchen kann dieses Quar­tett auch gut und mit viel Gewinn von Laien­musik­ern erar­beit­et wer­den. Über­liefert ist das Werk nur mit den vier 1830 in Bres­lau gedruckt erschiene­nen Stim­men, die Chris­t­ian Vital­is außeror­dentlich sorgfältig und zuver­läs­sig rev­i­diert hat: Kom­pli­ment! Zudem begrün­det er seine edi­torischen Entschei­dun­gen in einem der Par­ti­tur beigegebe­nen Kri­tis­chen Bericht. Auch deshalb wäre es über­flüs­sig gewe­sen, die eben­so ger­ingfügi­gen wie fast schon selb­stver­ständlichen edi­torischen Ein­griffe auch noch typografisch im Noten­text beson­ders zu kennze­ich­nen (es hätte aus­gere­icht, sie im Kri­tis­chen Bericht zu erwäh­nen). Lediglich eine sein­er Maß­nah­men wäre doch wohl zu kor­rigieren: Im 1. Satz, Takt 215, 2. Vio­line und Cel­lo, muss der erste Bogen mit der 3. (nicht 2.) Note begin­nen.
Gisel­her Schubert