Flotow, Friedrich von

Streichquartett

C-Dur, Erstausgabe, hg. von Erik Harms, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Accolade, Warngau 2011
erschienen in: das Orchester 12/2011 , Seite 74

Dass Fritz Kreisler lange ver­heim­lichte, seine oft als Stilkopi­en daherk­om­menden Encores für Vio­lin-Recitals selb­st kom­poniert zu haben, ist bekan­nt. Neben dessen eige­nen Ein­spielun­gen sind mir diejeni­gen des heu­te lei­der vergesse­nen Geigers Ricar­do Odno­posoff (1914–2004) bleibend im Ohr. Die berühmtesten dieser Samm­lung von Charak­ter­stück­en sind die drei Altwiener Tanzweisen, beste­hend aus Liebesfreud, dem unver­wüstlichen Liebesleid sowie Schön Ros­marin. Zu den vielfachen Bear­beitun­gen kommt mit der vor­liegen­den Fas­sung von Fre­do Jung eine für Stre­ichtrio hinzu.
Der Bear­beit­er ori­en­tiert sich eng am Orig­i­nal, Tonarten, Vor­trags­beze­ich­nun­gen und Artiku­la­tion wer­den beibehal­ten. Der bei Kreisler häu­fig kom­pakt geset­zte Klavier­part wird geschickt auf Cel­lo und Vio­la über­tra­gen. Die Melodik liegt im Haup­tan­teil weit­er­hin in der Vio­lin­stimme, bei Schön Ros­marin sog­ar gän­zlich, wech­sel­nd bei Liebesleid. Das Noten­bild ist klar gehal­ten und sehr gut les­bar. Bei der Über­tra­gung sind vere­inzelt Beze­ich­nun­gen vergessen wor­den, Beispiele bei Liebesleid: das p in den Unter­stim­men Takt 17, das grazioso der imi­tieren­den Bratsche in Takt 35, die Kennze­ich­nung der Wieder­hol­ung Takt 33. Klan­glichen Reich­tum bringt der dif­feren­zierte Wech­sel von pizzi­ca­to und arco bei Schön Ros­marin. Dieses Arrange­ment zu spie­len ist dankbar. Die Ein­rich­tung der Stim­men besorgte das Gaede-Trio.
Dass auch der Opernkom­pon­ist Friedrich von Flo­tow (1812–1888) ein Stre­ichquar­tett kom­poniert hat, ist weni­gen bekan­nt. Erik Harms hat die Par­ti­tur dieses C‑Dur-Quar­tetts aus den nur im Manuskript vor­liegen­den Stim­men erstellt. Die Quel­len­lage scheint dünn zu sein, eine Datierung liegt nicht vor, der Final­satz ist von ander­er Hand notiert. Bei diesem fällt auch her­aus, dass er in c‑Moll ste­ht und damit dem Quar­tett keine tonale Geschlossen­heit gibt. Wer hier zeit­genös­sis­che kam­mer­musikalis­che Stan­dards anlegt wie motivisch-the­ma­tisch Ver­ar­beitung, eine tonal aus­gereifte Pla­nung, chro­ma­tis­che Har­monik oder Kon­tra­punk­tik, wird ent­täuscht. Am ehesten noch kom­men diejeni­gen auf ihre Kosten, die Canta­bles erwarten, so in den rossiniar­ti­gen Schlussgrup­pen des 2. Satzes.
Das Quar­tett ist tra­di­tionell vier­sätzig. Am überzeu­gend­sten ist das Andante, hier wird ein typ­is­ch­er frühro­man­tis­ch­er Duk­tus durch die Kont­rastierung ein­er Ländler­melodie mit einem scher­zoar­ti­gen Gegen­the­ma erre­icht. Der Kopf­satz zeigt kom­pos­i­torische Schwächen, sowohl architek­tonisch (bei ein­er Expo­si­tion von 114 Tak­ten begin­nt der Seit­en­satz erst in T.83) als auch har­monisch (eine entwick­el­nde Über­leitungspas­sage kaden­ziert in T. 53 in der Haupt­tonart ab). Die ver­schiede­nen melodis­chen Gestal­ten wer­den kaum miteinan­der in Beziehung gebracht, im Finale ste­hen sie unver­mit­telt nebeneinan­der. Der klar gefasste Noten­text ist nicht frei von Fehlern, im Scher­zo in den Tak­ten 55/56 ist die Vio­la um einen Ton ver­rutscht, im Finale Takt 184 ff. geht die 2. Vio­line nicht mit der Har­monie mit. In Flo­tows Quar­tett herrscht meist ein ser­e­naden­hafter Ton vor, bis auf einige hohe Stellen in der 1. Vio­line ist es nicht allzu schw­er zu spie­len. Den­noch ist es prinzip­iell begrüßenswert, dass sich der Acco­lade-Musikver­lag für die Veröf­fentlichung von Entle­gen­em engagiert.
Chris­t­ian Kuntze-Krakau