Strauss / Nono / Wagner

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler Classic CD 93.179
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 94

Neben den üblichen Kri­te­rien wie Homogen­ität, Into­na­tion und Artiku­la­tion fordert das SWR Vokalensem­ble Stuttgart regelmäßig dazu her­aus, abseit­ige Kat­e­gorien für Chor­musik zu beacht­en. Im Falle der aktuellen Ein­spielung muss (wieder­holt) die Sing- bzw. Auf­führbarkeit der Par­ti­turen mitbe­dacht wer­den. Anlass zur Probe­nar­beit gaben dies­mal Richard Wag­n­er (bearb. Clytus Gottwald), Richard Strauss und Lui­gi Nono.
Das anspruchsvolle Pro­gramm wird durch mehrere Aspek­te inhaltlich zusam­menge­hal­ten. Zum einen kom­ponierten Wag­n­er, Strauss und Nono vor­rangig für Orch­ester, sodass hier alle­mal die Rubrik der „eher sel­ten aufge­führten“ Werke bedi­ent wird. Und zweit­ens markieren die Kom­pon­is­ten durch ihr Schaf­fen nichts weniger als den musikhis­torischen Über­gang von der Spätro­man­tik zur Mod­erne durch die Auflö­sung der tra­di­tionellen Har­monik. Selb­st Mahlers bekan­ntes „Ich bin der Welt abhan­den gekom­men“ – orig­ineller­weise darge­boten als Bonus-Track – bildet hier keine Aus­nahme.
Ins­ge­samt fiel dem Chor bei allen Werken die denkbar schwere Auf­gabe zu, klan­glich wie ein Orch­ester zu agieren bzw. eine charak­ter­lich ähn­lich inten­sive Klangdichte anzus­treben. Die 16-stim­mige Choraufteilung bei Wag­n­er und Strauss ist fol­glich keine Klang­masse, son­dern als möglichst bre­ite Aus­druckspalette für die ver­schiede­nen pro­gram­ma­tis­chen Nuan­cen der Dich­tun­gen zu ver­ste­hen. Gottwalds her­vor­ra­gende Bear­beitun­gen der Wesendon­ck-Lieder ver­suchen, die Melodieführung der Orig­i­nale beizube­hal­ten und den dicht­en Orch­ester­satz auf den Chor zu über­tra­gen.
Nicht her­aus­ra­gend, aber tech­nisch solide gelingt es Mar­cus Creed und seinem Ensem­ble, die Werke im Grunde so erscheinen zu lassen, als hätte Wag­n­er selb­st wenig­stens ein kom­plex­eres Werk für Chor a cap­pel­la geschrieben. Im Aus­druck dage­gen traumhaft sich­er find­en sich die Sänger durch die bei­den außeror­dentlich schw­eren Par­ti­turen des Abends und der Hymne von Strauss. Das inter­pre­ta­torische Prob­lem beruht hier auf der konzep­tionellen Nähe zum typ­isch Strauss’schen Orch­ester­satz, der trotz enormer klan­glich­er Mit­tel durch kluge Instru­men­tierung trans­par­ent bleibt. Dem Chor aber fehlen diese Klang­far­ben naturgemäß, sodass er die wesentlichen musikalis­chen Aus­sagen ständig aus dem enorm dicht­en Satz her­aus­fil­tern muss.
Als Höhep­unk­te der Ein­spielung müssen die Werke Nonos ange­se­hen wer­den. Creed und der Chor schaf­fen es fernab jeglich­er Klangschwel­gerei, wenig­stens einen Ein­druck von den hochkom­plex­en seriellen Struk­turen zu ver­mit­teln (was vol­lends ohne­hin nur mit der Par­ti­tur in der Hand gelin­gen kann). Beson­ders hier muss man sich zwangsläu­fig die Frage nach der eigentlichen Singbarkeit der Stücke stellen, so immens sind die Anforderun­gen an Into­na­tionsver­mö­gen und Gesang­stech­nik. Gelun­gen ist eben­so die Idee, den Ein­führung­s­text völ­lig aus lit­er­atur­wis­senschaftlich­er Sicht zu gestal­ten. Anstelle der üblichen musik­the­o­retis­chen Schema­ta wird der Hör­er bzw. Leser vielmehr für die textliche Grund­lage und damit den charak­ter­lichen Inhalt der Musik sen­si­bil­isiert.
Tobias Gebauer