Wolkow, Solomon

Stalin und Schostakowitsch

Der Diktator und der Künstler

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Propyläen, Berlin 2004
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 82

Der sow­jetis­che Dik­ta­tor Stal­in ist seit 51 Jahren tot und der Kom­pon­ist Dmitrij Schostakow­itsch, der seinen Peiniger 22 Jahre über­lebt hat, längst ein inter­na­tion­al anerkan­nter Musik­er. Warum also sollte man noch ein­mal nach­le­sen, was der Tyrann dem Kün­stler zuge­mutet und wie der um sein Über­leben gekämpft hat? 
Aus mehreren guten Grün­den. Zum einen ist die Rolle Schostakow­itschs bis heute schw­er einzuschätzen: Hat er nun mit den Wölfen geheult – er kom­ponierte auch Staat­stra­gen­des – oder sich bloß geschickt mask­iert? Zum anderen ist die Frage nach dem riskan­ten Bal­anceakt zwis­chen Macht und Geist grund­sät­zlich offen, und schließlich ist es für die Nachge­bore­nen von Inter­esse, welche Diszi­plin­ierun­gin­stru­mente die Macht andro­ht und einsetzt.
Der heute 60-jährige sow­jetis­che Musik­wis­senschaftler Solomon Wolkow, der 1976 in die USA emi­gri­erte und gegen­wär­tig an der Colum­bia Uni­ver­sität (New York) tätig ist, wurde 1979 weltweit als Her­aus­ge­ber der Schostakow­itsch-Mem­oiren bekan­nt. Deren Echtheit hat man lange bezweifelt, mit­tler­weile aber sind sie anerkannt. 
Sein neues Buch ver­tieft Schostakow­itschs Lebenserin­nerun­gen insofern, als dass der Autor jet­zt – unter Auss­parung musikalis­ch­er Werk­analy­sen – eine kul­turgeschichtliche Studie vorgelegt hat. Wolkow „konzen­tri­erte sich auf die poli­tis­chen und kul­turellen Bedin­gun­gen der Stal­inära […], ein Gebi­et, das immer noch ungenü­gend erforscht ist.“ Dazu obduzierte er am Beispiel von Stal­in und Schostakow­itsch einen Sozialkör­p­er, der aus Unter­drück­ung und listig-verzweifel­ter Gegen­wehr her­aus­gewach­sen ist. Dieser hat in der rus­sis­chen Tra­di­tion beson­dere Kennze­ichen. Die religiöse und kul­turelle Über­liefer­ung erzählt näm­lich, dass Zar und Gottes­narr unsicht­bar, aber auch unlös­bar miteinan­der ver­bun­den sind. Laut Wolkow akzep­tierten bei­de Pro­tag­o­nis­ten ihre Rollen. Stal­in nahm sich Zar Niko­laus I. und sein Ver­hal­ten gegenüber Puschkin zum Vor­bild, Schostakow­itsch die mit­te­lal­ter­liche Fig­ur des Gottes­nar­ren; eine Art Idiot, der warnt und dem Herrsch­er die Wahrheit sagt.
Der Tyrann tyran­nisierte mit Raf­fi­nesse, band den erfol­gre­ichen Kün­stler (Puschkin dort, Schostakow­itsch hier) mal für die Inter­essen seines Lan­des ein und demütigte ihn umge­hend, wenn er zu stark oder zu ein­flussre­ich wurde. Der sein­er­seits wusste nie, woran er ger­ade war und has­ste infolge dieses Wech­sel­bades nicht nur den Unter­drück­er, son­dern auch sich selb­st. Die Masken des Kün­stlers, die der Marx­ist Schostakow­itsch – namentlich seit 1936, dem Erschei­n­ungs­jahr des berüchtigten Auf­satzes Chaos statt Musik – zum Über­leben gefun­den hat, treten alle­samt in Puschkins Stück und in Mus­sorgski­js Oper Boris Godunow als han­del­nde Per­so­n­en in Aktion: der Gottes­narr (Warn­er), der Chro­nist (His­torik­er) und der Prä­ten­dent (der für die eige­nen Inter­essen Handelnde). 
Wolkow bringt dem Leser einen Kün­stler nahe, der außeror­dentlich stark zum „sym­pa­thein“ – zum Mitlei­den – fähig war. Das Mitlei­den und die nack­te Angst um sich selb­st und seine Fam­i­lie bracht­en Schostakow­itsch mehrmals an den Rand des Selb­st­mords. Ihm gegenüber stand der atavis­tis­che Tyrann als vol­lkom­men unberechen­bar­er Ego­mane: Ide­olo­gie, kün­st­lerische Inhalte und Ver­hal­ten der Opfer – unter­wür­fig oder mutig – waren zweitrangig. Dass die Stal­inära alle Beteiligten, sowohl Täter als auch Opfer, nach­haltig zu men­schlichen Krüp­peln gemacht hat, ließ sich noch lange nach Stal­ins Tod erken­nen. Ein leicht zu lesendes Buch, das reich doku­men­tiert, wie langsam die Ver­gan­gen­heit vergeht. 
Kirsten Lin­de­nau