Horst Lohse

Spiritual Variations

für Streicher, Partitur

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Gravis
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 68

Auf sein­er Inter­net­seite beze­ich­net sich Horst Lohse (geb. 1943) als „uni­ver­salen Kom­pon­is­ten“, dessen Schaf­fen „so gut wie alle musikalis­chen Gen­res: von kam­mer­musikalis­ch­er Reflex­ion bis zur orches­tralen Klang-Tiefen­bohrung, von Vokalw­erken mit bestechend präzis­er Tex­taus­deu­tung bis zu exper­i­men­tier­freudi­gen Tanz- und Musik­the­ater­for­mat­en“ umfasst.
Dies schließt auch Stücke wie die vor­liegen­den Spir­i­tu­al Vari­a­tions ein, die sich dur­chaus für ambi­tion­ierte Jugen­dorch­ester oder Laienensem­bles eignen und die Aus­führen­den auf­grund viel­er Gestal­tungsspiel­räume mit ein­er ganzen Rei­he von dankbaren Auf­gaben kon­fron­tieren. Das rund 15-minütige Werk aus dem Jahr 1967, rev­i­diert und ergänzt 2021, ist lap­i­dar mit der Beset­zungsangabe „für Stre­ich­er“ verse­hen. Es han­delt sich um eine Vari­a­tions­folge über das Spir­i­tu­al Weepin’ Mary, geset­zt für fün­f­s­tim­miges Stre­i­chorch­ester, in dem Vio­li­nen, Violen und Vio­lon­cel­li gele­gentlich auch zweigeteilt auftreten. Eine Auf­führung mit solis­tis­ch­er Stre­icherbe­set­zung ist gle­ich­falls möglich, erfordert aber min­destens ein Nonett.
Den Kon­ven­tio­nen der Gat­tung Vari­a­tions­form gemäß lässt Lohse dem Spir­i­tu­al-The­ma sechs attac­ca aufeinan­der fol­gende Vari­a­tio­nen unter­schiedlichen Charak­ters sowie eine abschließende Fuge fol­gen, die am Ende in eine feier­liche, klan­glich verän­derte und verkürzte Reprise des The­mas mün­det. Der tonale, mitunter durch har­monis­che Über­lagerun­gen angere­icherte Satz nimmt durch seine sorgfältige dynamis­che Aus­gestal­tung für sich ein. Dies zeigt sich bere­its zu Beginn der Kom­po­si­tion, wenn Lohse im Anschluss an vier Ein­gangstak­te das The­ma präsen­tiert und jeden melodis­chen Abschnitt – durch Set­zung von Fer­mat­en unter­strichen – mit einem genau for­mulierten dynamis­chen Pro­fil vor­tra­gen lässt.
Gemäß der Verbindung des Spir­i­tu­al­texts zu Johannes 20:11 („Maria aber stund vor dem Grabe und weinete draußen. Als sie nun weinete, guck­te sie in das Grab.“) liegt den Vari­a­tio­nen auss­chließlich die Auseinan­der­set­zung mit den Gefühlsre­gun­gen Trauer, Klage und Trost zugrunde. Auf­grund der gewählten Anord­nung von Tem­po und Charak­ter schafft Lohse eine Art nar­ra­tiv­en Faden, der sich auf die Bibel­stelle beziehen lässt: Während Vari­a­tion 1 („Like a funer­al march“) mit Ele­menten des Trauer­marschs den Akt der Grable­gung Christi her­auf­beschwört, nimmt Vari­a­tion 2 („Groan­ing“) im auskom­ponierten Gegeneinan­der von solis­tisch beset­zten Stim­men und Tut­ti-Ein­satz der Stre­ich­er den Moment über­wälti­gen­der Klage in den Blick.
Vari­a­tio­nen 3 („Firm­ly“), 4 („Rest­less“), 5 („Rush­ing“) und 6 („Calm­ing“) umschreiben wiederum eine Abfolge inner­er Zustände, zu deren Her­ausar­beitung Lohse auch klan­gliche Mit­tel wie Tremo­lo am Steg ein­set­zt. Aus der Sit­u­a­tion der Beruhi­gung erwächst schließlich als „Con­clu­sion“ eine Fuge über die bei­den ersten Abschnitte des Spir­i­tu­als, bevor das Stück durch eine im Ton­raum gegenüber dem Beginn nach oben ver­set­zte und dynamisch im Mez­zo­forte belassene Reprise das Stück beschließt.
Ste­fan Drees