Werke von Libor Síma, Meinhard Obi Jenne, Don Grolnick und anderen

Spektrum

Tri: Libor Síma (Fagott), Meinhard Obi Jenne (Schlagzeug), Mini Schulz (Kontrabass)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: finetone
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 77

TRI – das ist ein Jazz-Trio aus bekan­nten Per­sön­lichkeit­en der Stuttgarter Jaz­zszene, die aber alle­samt auch in der klas­sis­chen Musik keine Unbekan­nten sind: So ist Libor Šíma Solo-Fagot­tist des Radio-Sin­fonieorch­esters Stuttgart des SWR, aber auch lei­den­schaftlich­er Jazzer und Tenor­sax­o­fon­ist; der Schlagzeuger Mein­hard „Obi“ Jenne war Akademist bei den Berlin­er Phil­har­monikern; und Kon­tra­bassist Mini Schulz machte unter anderem Sta­tion beim Radio-Sin­fonieorch­ester Stuttgart des SWR und dem Stuttgarter Kam­merorch­ester, bevor er dem Ruf an die Hochschule für Musik und Darstel­lende Kun­st Stuttgart fol­gte, wo er im Bere­ich Jazz- und Pop­u­lar­musik unter­richtet. Die drei Musik­er gehören nicht nur wegen der ungewöhn­lichen Kom­bi­na­tion Fagott, Bass und Schlagzeug, son­dern vor allem wegen ihrer ungewöhn­lichen musikalis­chen Aus­drucksstärke zu ein­er der meist­ge­bucht­en Rhyth­mus­grup­pen Deutsch­lands.
Zwei Drit­tel der Stücke auf Spek­trum stam­men aus der Fed­er von Libor Šíma und wer­den von Kom­po­si­tio­nen Obi Jennes sowie den bekan­nten Jaz­zkom­po­si­tio­nen Noth­ing Per­son­al (Don Grol­nick), Straphang­ing (Michael Breck­er) und Cen­tral Park West (John Coltrane) ergänzt. Let­zt­ge­nan­nte Bal­lade, auf der sich neben den Band­mit­gliedern zusät­zlich noch drei weit­ere Tenor­sax­o­fon­is­ten ins Ensem­ble eingliedern, ist sicher­lich ein­er der her­aus­ra­gend­sten Momente auf dieser grandiosen Neuer­schei­n­ung und erin­nert an die leg­endären „Four Broth­ers“ der Woody-Her­man-Big­band. So braucht Tri den Ver­gle­ich mit inter­na­tionalen Pro­duk­tio­nen nicht zu scheuen.
Musizier­freude und die Lust zum Exper­i­men­tieren merkt man Tri nicht nur an in Herr Mann pudelt seinen Pudel Her­mann und bei den witzi­gen Gesang­sein­la­gen in It’s a real­ly catchy piece. Traumwan­d­lerisches Tal­ent auf dem Fagott stellt Libor Šíma in Weany Weasel unter Beweis, aber auch in Noth­ing Per­son­al, wo er beim Tenor­sax-Solo seine Vor­bilder Breck­er und Coltrane erken­nen lässt, ste­ht er dieser Leis­tung in nichts nach. Obi Jenne begleit­et nicht wie auf einem Schla­gin­stru­ment, son­dern facetten- und far­ben­re­ich, als hätte er ein Melodie­in­stru­ment vor sich. Mini Schulz glänzt impro­visatorisch fan­tasievoll und mit knack­igem Bass­sound vom ersten bis zum let­zten Moment.
Die Stücke sind in her­vor­ra­gen­der Qual­ität aufgenom­men (Bauer Stu­dios, Lud­wigs­burg) und so per­fekt abgemis­cht, dass man den Ein­druck bekommt, man stünde in Mini Schulz’ Jaz­zclub BIX am Stuttgarter Leon­hard­splatz direkt neben der Bühne.
Die Rech­nung der drei Musik­er von Tri geht auf: Sie zeigen mit dieser CD, welch­es Spek­trum an Jazzmusik in dieser Instru­mentenkom­bi­na­tion möglich ist und welch grandiose Idee es sein kann, auch als Musik­er der klas­sis­chen Musik einge­tretene Pfade zu ver­lassen und sich mit ein­er unkon­ven­tionellen Herange­hensweise ans kam­mer­musikalis­che Musizieren im Bere­ich des zeit­genös­sis­chen Jazz zu wagen. All dies wird hier zweifels­frei hör­bar und sollte tra­di­tionelle Klangkör­p­er ermuti­gen, das eine oder andere Crossover-Pro­jekt zu wagen.
Kristin Thiele­mann