Tschaikowsky, Peter Iljitsch

Souvenir de Florence” op. 70 / Serenade C‑Dur

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bayer Records 100 380
erschienen in: das Orchester 11/2007 , Seite 90

Seit Beginn der Spielzeit 2002/03 ist Ruben Gazar­i­an der Kün­st­lerische Leit­er des tra­di­tion­sre­ichen Würt­tem­ber­gis­chen Kam­merorch­esters Heil­bronn und als solch­er Nach­fol­ger von Jörg Faer­ber. Gazar­i­an wurde 1971 in der armenis­chen Haupt­stadt Eri­wan geboren, lernte dort unter anderem bei dem Pri­mar­ius des berühmten Borodin-Quar­tetts, Ruben Aha­ron­ian. Noch während des Studi­ums erhielt er einen Son­derver­trag als Vor­spiel­er und Solist des „Staatlichen Kam­merorch­ester Arme­niens“. 1992 set­zte er sein Vio­lin­studi­um an der Hochschule für Musik und The­ater „Felix Mendelssohn“ in Leipzig fort, nach dem Konz­er­tex­a­m­en 1995 dann in Dirigieren, 1998 mit der Höch­st­note absolviert. Zu diesem Zeit­punkt war er schon fünf Jahre Erster Konz­ert­meis­ter des West­säch­sis­chen Sym­phonieorch­esters Chem­nitz – wurde 1999 zu dessen Chefdiri­gen­ten gewählt und war damals der jüng­ste Chefdiri­gent Deutsch­lands.
Dies ist schon die zweite CD des Arme­niers mit seinen schwäbis­chen Stre­ich­ern, und dies­mal wurde opu­lentes osteu­ropäis­ches Reper­toire in SACD-Auf­nah­me­tech­nik gewählt. Es geht um Tschaikowskys Stre­ich­sex­tett Sou­venir de Flo­rence op. 70 und seine Ser­e­nade für Stre­i­chorch­ester C‑Dur op. 48. Zwei Werke, die jew­eils gut eine halbe Stunde dauern und ihren doch recht hohen Anspruch hin­ter ein­er teil­weise fast gefäl­li­gen Fas­sade ver­ber­gen. Im Sex­tett zeigt der Kom­pon­ist eher sein Heimweh nach Rus­s­land als Postkarten aus Ital­ien. Vor allem aber löste er die knif­flige Auf­gabe, kon­tra­punk­tisch und durch­sichtig für je zwei Vio­li­nen, Violen und Vio­lon­cel­li zu schreiben – weshalb in dieser cho­rischen Ein­spielung des Sou­venir sehr richtig auf Kon­tra­bässe verzichtet wurde, um die Klang­bal­ance zu wahren. Außer­dem wer­den im langsamen Satz die „richti­gen“ Stellen wieder solis­tisch von Vio­line (David Schultheiß), Vio­la (Irene Lach­n­er) und Cel­lo (Gabriel Faur) aus­ge­führt.
Die Inter­pre­ta­tio­nen sprin­gen uns Hör­er an mit kraftvollem Ton und treiben­den Tem­pi, gemäß der rus­sis­chen Reden­sart „Mit Saft und Kraft“. Gazar­i­an geht an die Gren­ze zum Gehet­zten, ohne diese jemals zu über­schre­it­en. Das passt zu Tschaikowsky, dessen Größe dadurch erfahrbar wird. Wir erleben auch, wie dop­pel­bödig die vorder­gründig so klas­sizis­tis­che und volk­stüm­liche Ser­e­nade ist. Schade nur, dass selb­st Piano-Pas­sagen hier oft schon so laut sind, dass kaum Spiel­raum mehr für Steigerun­gen scheint (bis zu vier­fachem Forte ist vorgeschrieben).
Wie willig und freudig das Würt­tem­ber­gis­che Kam­merorch­ester dies alles mit­macht, ist höchst hörenswert. Bald denkt man als Orch­ester-Tester nicht mehr nach, wie die Heil­bron­ner denn nun musizieren, so selb­stver­ständlich wirkt es. Andere Kam­merorch­ester mögen einen blühen­deren Stre­icherk­lang haben – flex­i­bler sind wohl wenige. Bestes Beispiel: Der Kom­pon­ist wollte seine Ser­e­nade von so viel Aus­führen­den wie möglich gespielt haben – mit der Beset­zung 6–5‑6–6‑2 bleibt es aber wirk­lich kam­mer­musikalisch im Sinne von miteinan­der aus­ge­hört, ohne an Klangfülle zu fehlen, wie wir hier (im Sou­venir sowieso) hören kön­nen. Sym­pa­thisch übri­gens das Orch­ester­fo­to im Bei­heft, das die Musik­er im Proben­raum (der Heil­bron­ner „Har­monie“) und in All­t­agsklei­dung zeigt.
Ingo Hoddick