Souvenir d’Amérique

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Oehms Classics OC 861
erschienen in: das Orchester 02/2013 , Seite 70

Von der Pio­nierzeit zur Avant­garde, das heißt von Stephen Fos­ter im frühen 19. Jahrhun­dert bis zum Exper­i­ment des späten John Cage: Der Geiger Friede­mann Eich­horn und der Pianist Andreas Frölich kom­men auf ihrer CD Sou­venir d’Amérique mit großer Span­nweite daher und doch ohne die ganz großen Namen aus. Kein Ives, kein Elling­ton, kein Bern­stein, kein Glass, aber es run­det sich ein gutes Bild. Immer­hin mit George Gersh­win! Dass aber bei der am Anfang ste­hen­den Auswahl der Stücke aus sein­er Oper Por­gy and Bess das viel stra­pazierte „Sum­mer­time“ fehlt, passt zur Suche der bei­den kam­mer­musikalisch erfahre­nen Musik­er nach inter­es­san­ten Rar­itäten. Den jazz­i­gen Touch viel­er ser­iös­er US-Kom­pon­is­ten bekommt der Hör­er gle­ich mit bei „It Ain’t Nec­es­sar­i­ly So“ und „Tem­po di Blues“ mit der Melodie „There’s Boat That’s Leav­ing Soon for New York“. Das lyrische „Bess You Is My Woman Now“ spielt der Geiger mit sinnlichem Ton, in san­ftem Ruba­to vom Pianis­ten begleit­et.
William Kroll (1901–1980), selb­st Pri­mar­ius eines Quar­tetts, hat in seinem kurzen, witzi­gen Ban­jo and Fid­dle pikante Rhyth­men mit hüb­schen melodis­chen Bögen ver­bun­den. Stephen Fos­ter (1826–1864) war ein Urvater der Musik in den USA und Kom­pon­ist viel­er pop­ulär­er Songs. Das auf der CD gebotene Lied Jeanie with the light brown hair wurde von dem großen Jascha Heifetz arrang­iert, von dem auch die Gersh­win-Bear­beitun­gen stam­men. Eben­falls ein Vir­tu­ose, der Bel­gi­er Hen­ri Vieux­temps (1820–1881), wurde bei ein­er Ameri­ka-Tournee angeregt, Sou­venir d’Amérique, hier Titel­stück, zu kom­ponieren. In ein­er Mis­chung aus raf­finiert­er Ein­fach­heit und vir­tu­osem Feuer­w­erk hat er den Yan­kee Doo­dle vari­iert.
Das Wiener Wun­derkind Erich Wolf­gang Korn­gold (1897–1957) wurde in den USA ab 1934 ein­er der erfol­gre­ich­sten Filmkom­pon­is­ten, doch bei Much Ado About Noth­ing han­delt es sich um eine Schaus­piel­musik: spätro­man­tisch schweifend­es Melos prägt „Mäd­chen im Braut­gemach“, eine besinnliche Idylle ist die „Garten­szene“, dazu treten stampfend und wirbel­nd zwei rhyth­mis­che Sätze. Der geborene Gen­fer Ernest Bloch (1880–1959) ist mit „Nigun“ aus Baal Shem vertreten, einem guten Bei-
spiel für seine jüdis­che Beken­nt­nis­musik. Das rhap­sodisch aus­drucksstarke Stück will eine Geschichte erzählen eben­so wie der New York­er John Williams (*1932) mit der Titelmelodie aus Steven Spiel­bergs Film Schindler’s List, die das Duo bedächtig und mit tiefem Gefühl gestal­tet.
Auch Südameri­ka wird anges­teuert, und zwar mit drei Stück­en der Tan­go­musik­er José Bra­ga­to (*1915) und Astor Piaz­zol­la (1921–1992). Tre­f­flich nutzen sie die Gestal­tungsmit­tel Far­ben und Tim­ing, was Eich­horn und Frölich hör­bar inspiri­ert. Der Film­musik­er Franz Wax­man (1906–1967) lässt bei sein­er Car­men Fan­ta­sy den Opern-Num­mern inner­halb von zehn Minuten enorm span­nungsre­iche Weiterun­gen angedei­hen. 4’33’‘, die berühmten ton­losen Minuten von John Cage (1912–1992), erfahren in 51 Sekun­den eine Neuau­flage als 0’00’’. Immer­hin: Rascheln, Klap­pern (Noten­stän­der?) und Schritte im Stu­dio sind zu hören.
Gün­ter Buhles