Beethoven, Ludwig van

Sonaten für Violoncello und Klavier

Mit der Violoncellofassung der Hornsonate op. 17

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Wiener Urtext Edition, Wien/Mainz
erschienen in: das Orchester 10/2008 , Seite 62

Dass sich Konkur­renz geschäfts­belebend auswirkt, ist sprich­wörtlich. Fra­g­los gilt dies auch für das Musikver­legergeschäft, doch kann, ja: muss es konkur­ri­erende Urtext-Aus­gaben geben? Hier liegen die Dinge eo ipso anders als in der Auto‑, Elek­tro- oder High­tech-Branche, gilt es doch nicht primär, mit­tels neuer Pro­duk­te steigen­den Bedarf und wach­sende Bedürfnisse zu befriedi­gen, son­dern kul­turelle Urzustände ver­gan­gener Epochen zugänglich zu machen. Diese indes, so sollte man meinen, sind ein für alle Mal unmissver­ständlich fix­iert, sodass eine Urtex­taus­gabe lediglich als Wieder­hol­ung­spro­dukt ein­er anderen Urtex­taus­gabe erscheinen mag. Die Prax­is freilich zeigt ein anderes Bild. Häu­fig ist die Quel­len­lage unein­deutig, entsprechend schwierig gestal­tet sich die Gewich­tung der Quellen, d.h. des Auto­grafs (soweit vorhan­den) im Ver­hält­nis zu den frühen Druck­aus­gaben, zu Abschriften von fremder Hand und nicht zulet­zt zu nachträglichen Verän­derun­gen, die der Kom­pon­ist selb­st in ver­schiede­nen Sta­di­en der Werk­ge­nese vorgenom­men hat. Ein­er Urtex­taus­gabe geht stets eine Quel­lendiskus­sion voraus. In gewis­sem Sinne stellt jede dieser Edi­tio­nen eine Inter­pre­ta­tion der jew­eili­gen Quel­len­lage dar, wobei sogle­ich betont wer­den muss, dass die Beach­tung bes­timmter Spiel­regeln wis­senschaftlich­er Diszi­plin und Seriosität selb­stver­ständliche Voraus­set­zung für die Erstel­lung jed­er Urtex­taus­gabe ist.
In manch­er Hin­sicht stellt die vor­liegende Neuedi­tion der beethoven­schen Cel­losonat­en (ein­schließlich der Bear­beitung der Horn­sonate op. 17; nach den Quellen her­aus­gegeben von Chris­tiane Wiesen­feld; Klavier-Fin­ger­sätze und Hin­weise zur Inter­pre­ta­tion: Chris­t­ian Ubber) ein beleben­des Konkur­ren­zpro­dukt zu den bish­er greif­baren Urtex­taus­gaben dar: Mit Gewinn lesen wir im Vor­wort Carl Czernys Hin­weise zur Inter­pre­ta­tion der Cel­losonat­en, ent­nom­men seinem 1842 pub­lizierten Essay Über den richti­gen Vor­trag der sämtlichen beethoven­schen Werke für das Piano mit Begleitung, sowie einen aus­führlichen Kom­men­tar zu dieser bedeut­samen zeit­genös­sis­chen Quelle. Neben weit­eren Plus­punk­ten – plau­si­ble Darstel­lung der Quel­len­si­t­u­a­tion, umfan­gre­ich­er Kri­tis­ch­er Appa­rat, ken­nt­nis­re­iche Anmerkun­gen zu stilis­tis­chen Fra­gen –, die freilich in unter­schiedlichen Gewich­tun­gen auch den Edi­tio­nen von Hen­le und Bären­re­it­er zu konzedieren sind, bildet die von Hein­rich Schiff ein­gerichtete Cel­lostimme eine exzel­lente Grund­lage zur Erar­beitung des Cel­loparts nach Gesicht­spunk­ten der His­torischen Auf­führung­sprax­is, d.h. nicht zulet­zt unter weit­ge­hen­der Beibehal­tung zahlre­ich­er ver­meintlich unspiel­bar­er Bogenset­zun­gen. Hier wie auch bei den Fin­ger­satzvorschlä­gen standen nicht Bequem­lichkeit, „Tra­di­tion“ oder ähn­lich triftige Argu­mente obe­nan auf der Pri­or­itäten­liste, son­dern vielmehr das Bemühen, Beethovens Text in größt­möglicher Genauigkeit umzuset­zen. Ein gravieren­des Manko etwa der Hen­le-Aus­gabe – die Ein­rich­tung der Cel­lostimme nach herge­brachter Solis­ten­manier, nachger­ade gegen­läu­fig zur edi­torischen Grund­in­ten­tion – kon­nte hier ver­mieden wer­den.
Ger­hard Anders