Herzogenberg, Heinrich von

Sonate Nr. 1 a‑Moll op. 52

für Violoncello und Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: C.F. Peters, Frankfurt am Main 2009
erschienen in: das Orchester 06/2010 , Seite 65

„Du hast, wie mir scheint, noch nichts geschrieben, was so kun­stvoll, männlich und gesund ein­her schre­it­et“, schrieb Bach-Biograf Philipp Spit­ta an seinen Fre­und Hein­rich von Her­zo­gen­berg, nach­dem dieser ihm im Som­mer 1886 ein Exem­plar der druck­frischen Cel­losonate op. 52 zuge­sandt hat­te. In ihren gemein­samen Leipziger Jahren 1872 bis 1885 hat­te Her­zo­gen­berg häu­fig das Urteil Spit­tas gesucht, bevor er neue Werke in den Druck gab. Aus sein­er Beru­fung als Kom­po­si­tion­spro­fes­sor nach Berlin im Jahr 1885 zog Her­zo­gen­berg neues kün­st­lerisches Selb­st­be­wusst­sein: Er legte Spit­ta das fer­tige Werk vor. Einem anderen Bekan­nten gegenüber beschrieb er seine Cel­losonate mit den Worten „furioso sem­pre, ma con pas­sione“ und nan­nte sie „einen wahren Wald­teufel und kein Pro­fes­soren­stück, wie Ihr wohl erwartet“. Johannes Brahms indes, der Hochverehrte, zu dessen Fre­un­deskreis Her­zo­gen­berg zählte, äußerte sich ablehnend über die Intro­duk­tion des 3. Satzes, was Her­zo­gen­berg zu den bit­teren Sätzen ver­an­lasste: „Für Sie ist doch alles, was unsere­in­er schreibt, wirk­lich ehrlich­er Schmar­rn; da kommt’s mir auf diese paar Tak­te […] nicht an, wenn Sie nur im übri­gen fre­undlich und men­schlich zu uns sind.“
Dies und vieles mehr ist nachzule­sen im von Bernd Wiechert ver­fassten Vor­wort zur vor­liegende Aus­gabe, die von der Inter­na­tionalen Her­zo­gen­berg-Gesellschaft in Auf­trag gegeben wurde. Und sogle­ich schlägt das Rezensen­ten-Herz höher: Bevor das Cel­lo ges­timmt und der Klavierdeck­el hochgeklappt ist, kön­nen inter­essierte Musik­er aus der Note­naus­gabe Infor­ma­tio­nen zu Per­son und Werk erhal­ten und sich zudem dank Revi­sions­bericht einen Überblick über die Quel­len­lage ver­schaf­fen. Diese wirft übri­gens kaum Prob­leme auf: Da kein auto­grafes Mate­r­i­al greif­bar ist, stützt sich die Neuaus­gabe auf den Leipziger Erst­druck von 1886.
Anlässlich ein­er Auf­führung der Sonate im Jahr 1887 durch den Cel­lis­ten Julius Klen­gel bemerk­te ein Kri­tik­er, „die meis­ten Werke v. Herzogenberg’s [glichen] andächti­gen Gebeten zu seinem kün­st­lerischen Gotte“, sprich: zu Johannes Brahms. Dies ist über­spitzt for­muliert, denn wiewohl Brahms’ Ein­fluss nicht zu über­hören ist, spricht aus der Cel­losonate op. 52 ein inspiri­ert­er, keineswegs nur „devot­er“ Kom­pon­ist. Jed­er der drei Sätze ver­rät kün­st­lerische Indi­vid­u­al­ität: Dem lei­den­schaftlich-drän­gen­den und trotz großer Länge über­aus strin­gent kom­ponierten Kopf­satz fol­gen ein e‑Moll-Ada­gio in ernst-elegis­chem Ton und eine zur Grund­tonart a‑Moll zurück­kehrende Vari­a­tio­nen­folge über ein schlicht­es „syl­labis­ches“ The­ma. Im Ver­gle­ich zu manch anderem spätro­man­tis­chen Werk für diese Beset­zung erweist sich der Cel­lopart als tech­nisch nicht allzu schwierig, während für den voll­grif­fig geset­zten Klavier­part – wie so oft – gilt: Vor­sicht, man soll das Cel­lo nicht nur optisch wahrnehmen!
Faz­it: Die Begeg­nung lohnt. In ein­er gewis­senhaft erstell­ten Edi­tion liegt hier ein Werk vor, das anderes ver­di­ent hat als seli­gen Dorn­röschen­schlaf in staubi­gen Archiv­en.
Ger­hard Anders