Beethoven, Ludwig van / Franz Schubert / Robert Schumann

Sonate g‑Moll op. 5/2 / Sonate a‑Moll “Arpeggione” op. post. D 821 / Fantasiestücke op. 73

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Bayer Records BR 100 353
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 85

„Der Kon­tra­bass, das ist doch nur ein Begleitin­stru­ment, oder kann man etwa auch solis­tisch darauf spie­len?“ – Nun, dass dies nicht nur unter Zugeständ­nis­sen an das ange­blich nicht nur große, son­dern auch schw­er­fäl­lige Instru­ment möglich ist, davon kann sich die Zuhörerin, die dem Bassis­ten in der U‑Bahn diese Frage stellte, recht ein­fach überzeu­gen. Im inzwis­chen dur­chaus reich­halti­gen Kat­a­log an Ein­spielun­gen mit Kon­tra­bass und Klavier zählt die vor­liegende CD ganz sich­er zu den vielver­sprechend­sten.
Die hier vor­liegen­den Sonat­en und Fan­tasi­estücke verbindet eines: Sie liegen in zahlre­ichen Bear­beitun­gen vor. Während die schu­mannschen Fan­tasi­estücke schon zur Zeit ihrer Entste­hung in Aus­gaben für ver­schiedene Instru­mente (wenn auch noch nicht für Kon­tra­bass) vor­la­gen, wird die Arpeg­gione-Sonate fast nie im Orig­i­nal gespielt. Aus­nah­men bestäti­gen seit eini­gen Jahren die Regel. So wid­met sich sehr überzeu­gend etwa der Barock-Cel­list Ger­hart Darm­stadt diesem Gitar­ren-Cel­lo-Zwit­ter. Dass diese Sonate auch auf einem Kon­tra­bass überzeu­gen kann, demon­stri­eren Michael Rieber und sein Duopart­ner Götz Schu­mach­er am Klavier. Und selb­st bei Beethoven greift das immer wieder gehörte Argu­ment, ein Cel­lo klinge dann doch lebendi­ger und klang­far­blich dif­feren­ziert­er, in diesem Fall erfreulicher­weise nicht. Rieber ste­ht hier in der Tra­di­tion des Bassvir­tu­osen und Beethoven-Zeitgenossen Domeni­co Drag­onet­ti, der schon den Kom­pon­is­ten selb­st von sein­er Inter­pre­ta­tion zu begeis­tern ver­stand.
Rieber, Solokon­tra­bassist des NDR-Sin­fonieorch­esters, spielt mit großem run­den Ton. Er lässt sein Instru­ment mit dichtem Bogen­strich sin­gen und greift zupack­end in die Sait­en. Mit klaren Tiefen, fein aus­gear­beit­eten dynamis­chen Klan­gauf­baut­en vom weich-trans­par­enten Schim­mern bis hin zu inten­sivem sat­ten Leucht­en und auf­blühen­den Schwellern beein­druckt vor allem Schu­berts Arpeg­gione. Gele­gentlich wün­schte man sich jedoch noch etwas mehr Mut zu Schärfe oder gar kon­trastvoller Härte. Dies vor allem in der Inter­pre­ta­tion der Beethoven-Sonate, die ein wenig zu glatt, zu unge­brochen, unhin­ter­fra­gend wirkt.
Götz Schu­mach­er ist bekan­ntlich ein her­vor­ra­gen­der pianis­tis­ch­er Kom­pagnon. Sein kam­mer­musikalis­ches Kön­nen zeigt sich nicht nur in den Ein­spielun­gen mit seinem Klavier­part­ner Andreas Grau, son­dern auch in ein­er der schwierig­sten Auf­gaben eines Pianis­ten: der­jeni­gen, mit einem Kon­tra­bassis­ten zu duet­tieren und die heik­le Klang­bal­ance musikalisch zu gestal­ten. Hier stimmt die Bin­nen­dif­feren­zierung der bei­den Instru­mente. Schu­mach­er deckt den Bass nie zu. Sein Spiel ist sen­si­bel und zupack­end zugle­ich und schafft in der Arbeit mit min­i­malen Dehnun­gen und Tem­pore­la­tionsver­schiebun­gen eine hohe Span­nungs­dichte in der Inter­ak­tion mit dem Kon­tra­bass.
Zum Schluss noch eine kleine Anmerkung zur Auf­nahme: Ein Kon­tra­bass ist ein großes und bre­ites Instru­ment, aber so bre­it, dass man Tiefen und Höhen im Panora­ma auseinan­der ziehen muss, ist er nun doch nicht.
Nina Polaschegg