Strauss, Richard

Sonate für Violine und Klavier, op. 18 Es-Dur

Eingerichtet für Flöte und Klavier von Emmanuel Pahud

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Universal Edition, Wien 2006
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 78

„Pahud spielt Strauss“, und so wie ihm das mit dem Pianis­ten Eric Le Sage in ihrer 2003 veröf­fentlicht­en Ein­spielung gelun­gen ist, kann man diese Sonate tat­säch­lich als eines „der her­rlich­sten Werke in Strauss’ Früh­w­erk“ beze­ich­nen, wie die Ver­lags-Wer­bung es tut, der man aber in diesem Fall nur zus­tim­men kann. Ohne das Vor­bild der Auf­nahme würde man sich vielle­icht nicht an den Noten­text trauen – und so einen wun­der­baren Zugewinn für das Flöten­reper­toire ver­passen. Schon das erste Anhören macht deut­lich: Das ist für Flöte kom­poniert wor­den! Auf­nah­men mit Vio­line beto­nen meist mehr das drama­tis­che Ele­ment, hier wer­den die gesan­glichen Qual­itäten der Flöte her­vorge­hoben, die Pahud mit sehr vari­abel vib­ri­eren­dem Ton vom süßesten Pianis­si­mo zum kraftvoll­sten For­tis­si­mo führt, dies immer in lebendi­ger Inter­ak­tion mit dem Pianis­ten.
Dass Strauss für die Flöte als Orch­es­terin­stru­ment schreiben kon­nte, ist gar keine Frage. Kam­mer­musik kom­ponierte er aber nur wenig und haupt­säch­lich in sein­er frühen Zeit. Die 1887 in München ent­standene Vio­lin­sonate ist sein let­ztes Werk dieser Art. Kom­pos­i­torisch gehört sie genau genom­men nicht mehr zum Jugendw­erk des Kom­pon­is­ten oder bildet zumin­d­est dessen Gren­ze. War seine musikalis­che Entwick­lung nach kon­ser­v­a­tiv­er Ein­stim­mung im Eltern­haus fol­gerichtig von Brahms zu Wag­n­er ver­laufen, so lässt diese große dreisätzige Vio­lin­sonate Vor­bilder höch­stens ahnen, zeigt sich in jed­er Beziehung selb­st­be­wusst und für Strauss charak­ter­is­tisch. Immer­hin hat­te er schon 1886 die erste Sin­fonis­che Dich­tung op. 16 Aus Ital­ien kom­poniert, arbeit­ete im Lauf des Jahres 1887 an der ersten Fas­sung von Mac­beth und im näch­sten Jahr dann bere­its am Don Juan, mit dem spätestens die Rei­he der unver­wech­sel­baren Werke begin­nt.
Bei der Ein­rich­tung der Vio­lin­stimme für die Flöte wur­den im Wesentlichen geschick­te Oktavierun­gen vorgenom­men, um den Umfang der Flöte voll aus­nutzen zu kön­nen (mit H‑Fuß natür­lich). Auch einige Dop­pel­griffe waren zu inte­gri­eren. Angenehm, nur vielle­icht ein wenig beim zusam­men­hän­gen­den Lesen störend ist der großzügige Noten­satz in der neuen Flöten­stimme, es sind 18 Seit­en gegenüber den ursprünglichen acht. Im ersten Satz sollte man in der Flöten­stimme die Artiku­la­tion nach der Klavier­stimme kor­rigieren, eben­so einige falsch zuge­ord­nete Tak­tzahlen sowie den über­flüs­si­gen Takt nach Takt 113. Weit­er nicht ins Gewicht fall­en ein paar kleine, Dynamik und Artiku­la­tion betr­e­f­fende Unter­schiede zur Vio­lin-Aus­gabe, die übri­gens damals bei Aibl in München erschienen ist, einem Ver­lag, der 1904 von der Uni­ver­sal Edi­tion über­nom­men wurde.
Die Wahl ger­ade dieser Sonate und ihre gelun­gene Bear­beitung ist eine Her­aus­forderung für alle ambi­tion­ierten Flötis­ten. Dass Strauss sie nicht gle­ich für Flöte kom­poniert hat, ist zwar schade, aber jet­zt kein Hin­derungs­grund mehr, sie schnell­stens ken­nen zu ler­nen.
Ursu­la Pesek