Brahms, Johannes

Sonate f‑Moll für Viola und Klavier

op. 120 Nr. 1

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Partitura, Winterthur 2007
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 81

„Alle Inter­pre­ten eines Melodie-Instru­ments lei­den per­ma­nent darunter, dass sie beim Proben und Konz­ertieren – im Gegen­satz zu den Pianis­ten – nicht die voll­ständi­ge Par­ti­tur vor Augen haben. Ich begrüße es außeror­dentlich, dass jet­zt hier Abhil­fe geschaf­fen wird und bin überzeugt davon, dass diese prak­tis­che Hil­festel­lung viele Inter­pre­ta­tions-Ansätze bere­ich­ern und erweit­ern wird.“
Was Christoph Pop­pen auf der Inter­net-Seite des Schweiz­er Par­ti­tu­ra Ver­lags voll­mundig anpreist, ist eine neue Geschäft­sidee: Ana­log zu der son­st nur bei Klavier­stim­men üblichen Prax­is wird nun grund­sät­zlich allen Beteiligten von Kam­mer­musik­w­erken eine Spiel­par­ti­tur zur Ver­fü­gung gestellt, bei der zusät­zlich zur eige­nen Stimme auch die Par­tien der anderen Instru­mente verklein­ert abge­druckt sind. Das Sys­tem ist nicht auf Duo-Sonat­en beschränkt, son­dern find­et auch auf größere Beset­zun­gen wie Klavier­trios oder Stre­ichquar­tette Anwen­dung. Die ersten Werke von Beethoven, Brahms, Dvor?ák und César Franck sind bere­its erschienen, weit­ere sollen fol­gen.
Im Fall der vor­liegen­den f‑Moll-Bratschen­sonate von Brahms hat man auf die eigentliche Neuerung, die Spiel­par­ti­tur der Vio­la, offen­sichtlich viel Sorgfalt ver­wen­det. Ins­beson­dere das augen­schein­lich­ste Prob­lem, näm­lich die dop­pelte Anzahl der Wen­destellen (22 Seit­en Spiel­par­ti­tur gegenüber 11 Seit­en Einzel­stimme), ist durch opti­male Seit­e­naufteilung durchge­hend prak­tik­a­bel gelöst. Die kurze E‑Dur-Episode im zweit­en Satz wurde ana­log zum Klavier mit einem entsprechen­den Vorze­ichen­wech­sel verse­hen, um die Les­barkeit der Stelle zu erle­ichtern. Außer­dem wur­den häu­fige Wech­sel zum Vio­lin­schlüs­sel nach Möglichkeit ver­mieden (freilich zum Preis viel­er Hil­f­s­lin­ien). Den­noch bleibt die grund­sät­zliche Frage, ob eine Spiel­par­ti­tur eigentlich tat­säch­lich einem „per­ma­nen­ten Lei­den“ Abhil­fe schafft oder die zusät­zlichen Noten­sys­teme stattdessen nicht eher zu ein­er neuen Art von Unüber­sichtlichkeit führen – vielle­icht ist weniger am Ende ja doch mehr?
Die Klavier­stimme schnei­det im Ver­gle­ich mit den vorhan­de­nen Stan­dard-Aus­gaben nicht immer gut ab. Weil man sich offen­sichtlich auf einen Umfang von 24 Seit­en beschränken wollte, ist das Noten­bild sehr gedrängt und die Wen­destellen oft­mals ungün­stig; Hil­fsvorze­ichen gibt es nur wenige, und Stimm­führung, Akko­rd­verteilung und Behal­sung sor­gen mitunter für gewisse Irri­ta­tio­nen. Immer­hin erhält man in der beige­fügtem Solo-Stimme tat­säch­lich den Vio­la-Part (und nicht, wie meis­tens üblich, die leicht dif­ferierende Klar­inet­ten-Stimme).
Weit­eres Manko: Angaben zur Grund­lage des Noten­textes wer­den nicht gemacht. So bleibt am Ende auch unklar, inwieweit die (weni­gen) Abwe­ichun­gen vom Urtext bewusste Her­aus­ge­ber-Entschei­dun­gen oder schlicht Fehler sind. Zum Preis von 18,50 Euro (gängige kri­tis­che Aus­gaben kosten etwa die Hälfte) erscheint die Par­ti­tu­ra-Aus­gabe freilich nur für diejeni­gen wirk­lich attrak­tiv, die sich von der Spiel­par­ti­tur der Solo-Stimme einen entschei­den­den Vorteil ver­sprechen.
Joachim Schwarz