Aljabjew, Alexander A.

Sonate e‑Moll für Violine und Klavier (1834)

Partitur und Violinstimme

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Tonger, Köln 2006
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 80

Der Lebenslauf von Alexan­der Aljab­jew (auch Ala­bi­eff, Ala­biev, Alyabyev, 1787–1851) zeigt eine für viele Kün­stler, Intellek­tuelle und Offiziere des zaris­tis­chen Rus­s­lands typ­is­che Schick­sal­skurve. In Tobol­sk (West­si­birien) als Spross ein­er wohlhaben­den Fam­i­lie geboren, kom­ponierte er bere­its als junger Mann in Moskau und St. Peters­burg Werke, die eine Ver­schmelzung von slaw­is­ch­er Volk­slied­kul­tur und west­lich­er Kom­po­si­tion­stech­nik erken­nen lassen. Im Jahr 1825 wurde er ver­haftet – offiziell wegen ein­er Prügelei beim Karten­spiel, die für den Kon­tra­hen­ten tödlich endete, aber in Wahrheit wohl eher wegen sein­er poli­tis­chen Gesin­nung als Sym­pa­thisant der Dekabris­ten, ein­er rev­o­lu­tionären Bewe­gung, die sich gegen das zaris­tis­che Regime richtete. Er wurde drei Jahre lang eingek­erk­ert und dann nach Sibirien ver­ban­nt, wo er als Pianist und als Diri­gent großer Büh­nen- und Orch­ester­w­erke wirk­te. Schließlich wurde er beg­nadigt und durfte 1843 nach Moskau zurück­kehren.
Aljab­jew hin­ter­ließ ein umfan­gre­ich­es Schaf­fen an Büh­nen­werken, Sin­fonien, Kam­mer­musik­w­erken und Liedern (Liste unter www.russisches-musikarchiv.de). Im West­en wurde er aber lediglich durch die Romanze Die Nachti­gall bekan­nt, die Franz Liszt bear­beit­ete. Dass Aljab­jew jedoch mehr als eine Fußnote in Musik­lexi­ka wert ist und dass es bere­its vor Glin­ka eine eigen­ständi­ge rus­sis­che Instru­men­tal­musik gab, belegt seine einzige Vio­lin­sonate aus dem Jahr 1834. Stilis­tisch zeigt sie eine reizvolle Verbindung zwis­chen rustikalen Folk­lore-Tanzrhyth­men – beson­ders im Schlusssatz – und den Marschrhyth­men und Kan­tile­nen der franzö­sis­chen Rev­o­lu­tion­szeit. Wie für viele andere, auch wes­teu­ropäis­che Kom­pon­is­ten der Weber-Gen­er­a­tion waren für Aljab­jew neben der Wiener Klas­sik die Opern und Vio­lin­werke der franzö­sis­chen Vor­ro­man­tik die stärk­ste Inspi­ra­tionsquelle. Man darf spekulieren, ob er nicht direkt durch Pierre Rode bee­in­flusst wurde, während dieser 1804 bis 1808 am Zaren­hof engagiert war.
Nach­dem bere­its seit eini­gen Jahren eine CD-Auf­nahme der etwa zwanzig­minüti­gen Vio­lin­sonate in der Rei­he Gilels-Lega­cy auf dem Label Dore­mi (Lieber­mann) vor­liegt, bietet der Tonger-Ver­lag nun eine schön gedruck­te Note­naus­gabe an. Die von Jörg Michael Abel besorgte Aus­gabe basiert auf ein­er rus­sis­chen Aus­gabe aus dem Jahr 1962. Dankbar wer­den alle Geiger für das musikalis­che Urteilsver­mö­gen und die Prax­is­be­zo­gen­heit der Her­aus­ge­ber sein: Sie bieten „Hil­feleis­tun­gen“ an, die heute bei Puris­ten ver­pönt sind, aber nur dazu dienen kön­nen, aus einem trock­e­nen musikalis­chen Doku­ment ein lebendi­ges Werk zu machen, das vielle­icht seinen Weg in das Vio­lin­reper­toire find­en kann.
So find­et man Vorschläge für kurze Sprünge, die Alab­jews Sequen­zenseligkeit etwas min­dern helfen, ohne die Form zu verz­er­ren. Außer­dem ver­legen die Her­aus­ge­ber einige Klavier­pas­sagen in die Vio­line, um das Ungle­ichgewicht zwis­chen den Instru­menten etwas auszu­tari­eren. (Es han­delt sich näm­lich nicht um eine Vio­lin­sonate im Sinne Beethovens, son­dern um eine „begleit­ete Klavier­son­ate“ in der franzö­sis­chen Tra­di­tion des späten 18. Jahrhun­derts, deren Vio­lin­stimme musikalisch oft eher ein Zusatz ist und den tech­nis­chen Anspruch der Mozart-Zeit nicht über­schre­it­et.) Wer aber lieber das Orig­i­nal spie­len möchte, kann dies leicht tun, denn die Zusätze sind gekennze­ich­net.
Eine solche optis­che Kennze­ich­nung hätte man sich allerd­ings auch für die dynamis­chen Zutat­en und Phrasierungs­bö­gen min­destens in der Vio­lin­stimme in der Par­ti­tur gewün­scht. Aber dies tut dem Ver­di­enst der Her­aus­ge­ber und des Ver­lags keinen Abbruch. Solche Aus­gaben sind eine Bere­icherung für die musikalis­che Prax­is.
Mar­tin Wulfhorst