Eisler, Hanns

Sonate (Die Reisesonate)

für Violine und Klavier

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peters, Frankfurt am Main 2007
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 79

Hanns Eisler kom­ponierte die Sonate für Vio­line und Klavier, auch „Reis­es­onate“ genan­nt, 1937. Er lebte damals im spanis­chen Exil, nach­dem er 1933 vor den Nation­al­sozial­is­ten aus Deutsch­land geflo­hen war. In Spanien ent­standen außer­dem Kampflieder für die Inter­na­tionalen Brigaden im Bürg­erkrieg. Eisler fühlte sich damals heimat­los, entwurzelt und war auf dem Sprung in die USA, wo er ab 1938 lebte und Bertolt Brecht, mit dem er befre­un­det war, wieder­traf.
Eislers „Reis­es­onate“ bere­ichert das Reper­toire von Vio­lin­musik des 20. Jahrhun­derts sehr. Sie ist als Stu­di­en­ma­te­r­i­al für fort­geschrit­tene Schüler geeignet, da sie keine über­mäßi­gen tech­nis­chen Schwierigkeit­en aufweist, ein­mal abge­se­hen vom Dop­pel­griff­spiel in hoher Lage auf der E‑Saite im 3. Satz.
Umso mehr fordert sie die musikalis­che Gestal­tungskun­st und ist deshalb eine her­vor­ra­gende Ein­führung in die Vio­lin­musik des 20. Jahrhun­derts. Notwendig sind größte Expres­siv­ität und ein bre­ites Spek­trum an Aus­drucksmöglichkeit­en, die von Klage und Entset­zen, von mar­tialis­chen Marschrhyth­men, welche die hässliche Gri­masse des NS-Regimes sym­bol­isieren, bis hin zu einem sehr ver­hal­te­nen, sen­si­blen, aus dem dreifachen Piano sich ins vier­fache Forte steigern­den Gesang im „Inter­mez­zo“ reichen. Der Schlusssatz ist voller Geist und Witz, voller stür­mis­ch­er Bewe­gung und spiegelt Eislers Opti­mis­mus im Kampf gegen das NS-Regime und für eine gerechte und soziale Welt wider.
Der Klavier­part ist gle­ichgewichtig mit der Vio­line. Die Sonate ermöglicht echt­es Duo­mu­sizieren. Sie ist her­vor­ra­gend für den Konz­ert­saal geeignet und eine dankbare Auf­gabe für Inter­pre­ten, denen die Musik des 20. Jahrhun­derts ein Anliegen ist.
Peters bietet mit dieser Aus­gabe einen gut les­baren Noten­text, der so ein­gerichtet ist, dass dem Pianis­ten das Umblät­tern erle­ichtert wird. Nach mein­er Mei­n­ung ist das allerd­ings heute zu wenig. Wer diese Sonate spielt, möchte auch etwas über den Kom­pon­is­ten und seine Musik wis­sen. Doch nicht ein­mal das Entste­hungs­jahr der Sonate wird in dieser Aus­gabe angegeben, geschweige denn, in welch­er Lebenssi­t­u­a­tion sie ent­standen ist. Es gibt keinen kri­tis­chen Bericht, der etwas über das Auto­graf und über die Ein­rich­tung des Noten­textes der Druck­aus­gabe aus­sagt. Es gibt auch keine Hin­weise auf die Kom­po­si­tion­stech­nik und den Stil dieses Werks.
Die Erar­beitung von Inter­pre­ta­tio­nen mod­ern­er Musik ist zeitaufwändig. Viele Infor­ma­tio­nen sind notwendig, um eine stim­mige Gestal­tung zus­tande zu brin­gen. Deshalb wäre es die Auf­gabe von Aus­gaben mod­ern­er Musik, die Arbeit zu erle­ichtern und wenig­sten die Grund­in­for­ma­tio­nen mitzuliefern. Geschieht das nicht, wie im Fall dieser Aus­gabe, wird am falschen Fleck ges­part und wer­den die Bar­ri­eren gegen mod­erne Musik nicht abge­baut, son­dern ver­größert.
Franzpeter Messmer