Blum, Robert

Sonate auf Himmelfahrt und Pfingsten

für Klavier (Cembalo-) Quintett, hg. von Theo Wegmann

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Special Music Edition, Maur 2005
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 79

Gle­ich weit ent­fer­nt von der Mys­tik Frank Mar­tins und der Neoro­man­tik Oth­mar Schoecks, lässt sich der Stil des Schweiz­ers Robert Blum (1900–1994) nicht leicht skizzieren. Auch Ähn­lichkeit­en mit dem Schaf­fen sein­er Lehrer Philipp Jar­nach und – kurzzeit­ig 1923/24 – Fer­ruc­cio Busoni sind kaum auszu­machen, sieht man ein­mal von Klarheit der Dik­tion und klas­sizis­tis­ch­er Form­strenge als offen­bar assim­i­lierten Grund­tu­gen­den ab. Blums har­monis­che Sprache chang­iert zwis­chen freier Atonal­ität und bitonalen oder modalen Zen­tren, seine Rhyth­mik hinge­gen bewegt sich bei aller Lebendigkeit in kon­ven­tionellen Bah­nen.
Das jet­zt von Chris Wal­ton sorgfältig edierte Klavierquin­tett des langjähri­gen Zürcher Kom­po­si­tion­spro­fes­sors, knapp 30 Minuten lang, lässt sich vom let­zten Satz her lesen, vielgestalti­gen Meta­mor­pho­sen des gre­go­ri­an­is­chen Pfin­gsthym­nus Veni Cre­ator Spir­i­tus. Die ersten bei­den Sätze, Alle­gro agi­ta­to und Lento assai, leben nicht nur von zahlre­ichen motivis­chen Vor­weg­nah­men des Finales, sie sind auch pro­gram­ma­tisch in das Geschehen einge­bun­den, wenn man den Aus­führun­gen Wal­tons im CD-Book­let ein­er Auf­nahme des Werks fol­gt: Unruhe der Jünger nach der Kreuzi­gung Jesu und Zeu­gen­schaft der „Emmausjünger“ bei der Him­melfahrt des im Gespräch zuvor nicht erkan­nten, weil tot­geglaubten Her­rn.
Blums Phrasen­bil­dung scheint bei Johannes Brahms in die Schule gegan­gen zu sein, wie ein Blick auf die ersten acht Tak­te des Kopf­satzes nahe legt: Ein Zweiton­mo­tiv wird im fol­gen­den Takt vari­iert wieder­holt, eine zweitak­tige Entwick­lung aus fünf Tönen schließt sich an, wiederum gefol­gt von ein­er Umkehrung dieser ersten vier Tak­te.
Blums Klang­bild ist von sach­lich­er Knap­pheit, er verzichtet fast völ­lig auf Vir­tu­osen­zu­tat oder Klang­malerei, wie sie in den religiös motivierten Kom­po­si­tio­nen von Franz Liszt oder Olivi­er Mes­si­aen dur­chaus das Geschehen mitbes­tim­men. In gele­gentlichen plaka­tiv­en Akko­rd­wieder­hol­un­gen bei den dynamis­chen Höhep­unk­ten scheint allerd­ings der gewandte Film­musikkom­pon­ist durch, der Blum auch war.
Ungeachtet ihrer pro­gram­ma­tis­chen Aspek­te zeigt die Quintett-„Sonate“ eine abstrak­te, mitunter herbe Schön­heit, die dem geisti­gen Hin­ter­grund der Pfin­gst­the­matik auf ganz eigene Weise gerecht wird.
Rain­er Klaas